Hamlet – Prinz von Dänemark
Über das Unverborgenheitsgeschehen in der Tragödie und die Seins-Erfahrung durch die Kunst
Für August Diehl
“Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage:/
Ob’s edler im Gemüt,/
die Pfeil und Schleudern/
Des wütenden Geschicks erdulden, oder,/
Sich waffnend gegen eine eine See von Plagen,/
Durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen –/
Nichts weiter! – und zu wissen, dass ein Schlaf/
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,/
Die unseres Fleisches Erbteil –’s ist ein Ziel/
aufs innigste zu wünschen...”
“Ein großer Schmerz traf dich. Begegn’ ihm groß.”
“Wir wissen es nicht, sofern wir vergessen haben, daß der Mensch, wenn er werden soll, was er ist, je gerade sich das Dasein auf die Schultern zu werfen hat; [...] daß das Dasein nichts ist, was man gleichsam im Wagen spazieren fährt, sondern etwas, was der Mensch eigens übernehmen muss.”
“Wie konnte Fortinbras sagen, H. hätte sich höchst königlich bewährt?”
Wer kennt es nicht? Es ist vielleicht das berühmteste Theaterstück der Welt, William Shakespeares zwischen 1598 und 1601 verfasster Hamlet - Prinz von Dänemark (Originaltitel: The Tragedy of Hamlet, Prince of Denmark). Der traurige Prinz, der wilde Prinz, der dem das „wütende Geschick“ „Pfeil und Schleudern“ zumutet und der im berühmten Monolog die Frage „Sein oder Nichtsein“ ("To be or not to be") stellt. Was hat er mit uns zu schaffen, war kann er uns heute sagen? Was heißt es Hamlet zu „sein“? Hamlet sein zu müssen? Allein die Frage, wie alt der Dänenprinz wohl war, füllt Bücher und die Forschung wird sich nicht recht einig, ob er nun 30 oder 16-20 Jahre alt war. Dies ist nur eines der Rätsel, welche sich weiterhin um dieses Stück, wie auch um die Figur seines Autors, William Shakespeare, dessen Geburt sich nun 2014 zum 450. Mal jährt, ranken und wohl in alle Zeit hinein weiter ranken werden.
Hamlet ist eine tragische Figur im eigentlichen Sinn, gekennzeichnet durch den schicksalhaften Konflikt, in den sie gerät und an dem sie scheitern wird, wenn sie sich nicht grundlegend wandelt. Die Tragödie bedeutet das Scheitern eines Menschen, als das, was er zu sein scheint und bisher war. Bewirkt wird das von der geschicklichen Konstellation ebenso, wie vom Charakter der Figur, die das Begegnende nur auf bestimmte Weise beantworten kann. Die tragische Figur scheitert, weil sie sich gegen ihr Geschick auflehnen will.
Das Drama des Hamlet, der am selben Tag geboren worden war, als sein Vater den norwegischen König im Zweikampf tötete, beginnt schon, bevor das Stück ansetzt. Als junger Mann zum Studium nach Wittenberg geschickt, muss er bald darauf erfahren, dass sein gleichnamiger Vater, der König von Dänemark durch einen „Schlangenstich“ zu Tode gekommen ist. Damit nicht genug, schon einen Monat nach dem Ableben des Königs heiratet dessen Witwe, Hamlets Mutter Gertrud, den in der Wahlmonarchie Dänemark zum Nachfolger des Königs erkorenen Claudius[5], den Bruder des Verstorbenen. Des Prinzen Welt gerät aus den Fugen. Er trauert um seinen Vater, ist untröstlich und dies verstärkt sich noch dadurch, dass er die schnelle Eheschließung der Mutter als Verrat am Vater empfindet und sich in seiner eigenen Trauer allein gelassen fühlt: „...Und doch in einem Mond –/Lasst mich’s nicht denken! – Schwachheit, dein Nam’ ist Weib! - /Ein kurzer Mond; bevor die Schuh verbraucht,/Womit die meines Vaters Leiche folgte,/Wie Niobe, ganz Tränen – sie, ja sie;/O Himmel! würd ein Tier, das nicht Vernunft hat,/Doch länger trauern. – meinem Ohm vermählt...“[6] Hamlet ist ein wütender Prinz, wie ein ungezogener Teenager lehnt er sich gegen die Mutter und den Onkel auf, versteht die Welt nicht mehr. Sein Vater soll so schnell vergessen sein? Hamlet scheint untröstlich, trägt Schwarz, hadert mit seinem Geschick und ergeht sich in todessehnsüchtigen Äußerungen: „O schmölze doch dies allzu feste’ Fleisch,/Zerging’ und löst’ in einen Tau sich auf!/Oder hätt nicht der Ew’ge sein Gebot/Gerichtet gegen Selbstmord! – O Gott! O Gott!/Wie ekel, schal und flach und unersprießlich/Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!...“[7] Dieser schon an und für sich angespannte Zustand erfährt eine dramatische Steigerung als Hamlet dem Geist seines Vaters begegnet und von diesem die wahre Geschichte seines Ablebens erfährt:
„Geist: Beklag mich nicht, doch leih dein ernst Gehör/Dem, was ich kund will tun.
Hamlet: Sprich! Mir ist’s Pflicht zu hören.
Geist: Zu rächen auch, sobald du hören wirst.“[8]
Nicht ein Schlangenbiss tötete den Vater, sondern, als er im Garten schlief, träufelte ihm dessen Bruder Claudius eine tödliche Dosis Gift ins Ohr. Ein heimtückischer Brudermord also. Der gebildete Hamlet, ist hin und her gerissen, weiß nicht, ob er der Geistererscheinung glauben soll oder ob es gar ein Teufel ist, der ihn versuchen will. Er verspricht dennoch, tief beeindruckt von der Erscheinung, den Vatermord zu rächen. Der zunächst als Schicksalsschlag empfundene Tod seines Vaters, der sich nun als Mord erwiesen hat (was heißt, es gibt einen Verantwortlichen für das Geschehen, der zur Rechenschaft gezogen werden kann), eröffnet eine Wahrheit, die in der Folge tragische Konsequenzen nach sich ziehen wird. Es ist nicht nur eine Frage der Ehre, den Vater zu rächen, es ist auch eine Frage des Blutes, nämlich dem Mörder anverwandt zu sein und im eigenen Geschlecht, der eigenen Herkunft also eine faule Stelle zu vernehmen. Es ist eine gewaltige Wahrheit mit der sich der junge Prinz da konfrontiert sieht. Eine Wahrheit, die seine bisherige Welt in der Folge zum Einsturz bringt. Hier ist der Beginn von Hamlets Untergang. Es ist Hass, Rache, Blutdurst, was der Geist des Königs in Hamlets Existenz hineinströmen lässt. Nicht von ungefähr kommt der Geist aus der Hölle und nicht aus dem Himmel. Er nimmt Hamlet in die Pflicht, verdammt ihn dazu, seinen Vater zu rächen. Ist das denn ein Vater, der seinem Sohne solches zumutet? Ist jener denn, inzwischen Wesen in der anderen Welt, mit aller Weitsicht, die das schlichte Herz der Irdischen den Gespenstern zutrauen darf, nicht in der Lage zu sehen, dass er damit den Tod seines Sohnes unausweichlich macht, ja ihn will? Will er also den Tod seines Sohnes, seines eigenen Fleisches? Er muss es wollen, denn er tötet im Grunde seinen Sohn in dem Moment, wo er ihm erscheint. Hier besiegelt sich bereits Hamlets Schicksal. Der Prinz erfährt nicht nur die Umstände des Todes seines Vaters („...doch wisse, edler Jüngling,/Die Schlang, die deines Vaters Leben stach,/Trägt seine Krone jetzt.[...] So ward ich schlafend und durch Bruderhand/(Um Leben, Krone, Weib in eins gebracht.)/In meiner Sünden Blüte hingerafft,/Ohne Nachtmahl, ungebeichtet, ohne Ölung;/Die Rechnung nicht abgeschlossen ins Gericht/Mit aller Schuld auf meinem Haupt gesandt...“[9]), sondern er erhält auch die für ihn unablehnbare Aufgabe, dieses Verbrechen zu rächen und die Ehre des Vaters wieder herzustellen, allerdings mit der dazu antagonistischen Forderung, sein Herz dabei nicht zu beflecken. Der Prinz, am Übergang vom Jungen zum Mann, hat noch keine fest gefügte Persönlichkeit. Er kann mit solchem Wissen und der daraus folgenden, notwendig erscheinenden Aufgabe nicht umgehen, gerät in eine ungeheuren Gewissenskonflikt. Die Nachricht, die keiner außer Hamlet vernimmt, rückt ihn aus dem Hier und Jetzt, er wird verrückt in der Ordnung der Dinge, an einen anderen Platz gestellt: „...Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram,/Dass ich zur Welt, sie einzurichten kam.“[10] Das mutet ihm das Geschick zu, indem es ihn die Wahrheit aus dem Munde des Geistes hören lässt, eine Wahrheit, die er freilich bereits geahnt hatte: „O mein prophetisches Gemüt! Mein Oheim?“[11]
Sein Verständnis- und Handlungshorizont umfasst in dem Moment nur Archaisches, Auge um Auge, Blutrache, dem Ehrenkodex seiner mittelalterlichen Existenz verpflichtet. Das neue Wissen, die Aufklärung, welche er im Studium erfahren hat, trägt noch nicht, besorgt aber ein Zögern im Handeln. Ebenso ist sein Charakter wahrheitsliebend und aufrecht, so dass er sich blindwütiger Rache nicht zu überlassen vermag. So kann er nicht unmittelbar ausführen, was der Auftrag des Vaters ist, sondern erlebt sich in einer dauernden Verzögerung. Er beginnt sich für dieses Zögern wiederum zu verachten, kann aber offenbar nicht anders. So ist Hamlet, seit der Geist ihm erschien, in der größten Not, er ringt, er zögert, er schlägt aber auch um sich, zieht gegen alle außer Horatio, seinen Studienfreund, der aus Wittenberg angereist ist, wortreich zu Felde. Eine Schauspieltruppe trifft im Schlosse ein. Hamlet schreibt einen Prolog und bittet um die Aufführung eines bestimmten Stückes, in dem sich der Brudermord abbildet. Er tut dies, den Onkel (aber auch die Glaubwürdigkeit des Geistes) auf die Probe zu stellen. Und tatsächlich, diesem wird während der Aufführung schlecht „von Galle“ und er muss die Szene verlassen. Das Stück wird abgebrochen. Der König ist überführt. Nicht von ungefähr bedeutet dies, der König weiß nun, dass Hamlet die Wahrheit kennt und wird versuchen, ihn auszuschalten, bevor er selbst ausgeschaltet wird. Die gesamte Verstrickung, welche aller Tragik im Verlauf eignet, entwickelt sich nun nach und nach weiter. Am Ende werden zwei Familien am Geiste der Rache zugrunde gegangen sein. Polonius und seine beiden Kinder, Ophelia und Laertes (der Hamlet mit seinem intrigant vergifteten Degen durch eine kleine Verletzung tötet, um Ophelia und seinen Vater Polonius zu rächen) sowie Hamlet, seine Mutter Gertrud und ihr Gemahl, sein Onkel, König Claudius. Hamlets letzter Satz: „Der Rest ist Schweigen.“[12
Die Kunst als Zugang zum Wesen der ursprünglichen Erfahrung
Wer ist dieser Hamlet? Ein Mensch, der eine bestimmte Frage an das Dasein stellt: „Sein
oder Nichtsein?“ Ob es besser ist, zu erdulden, was sich ihm an Wahrem zuspricht und zugemutet ist oder ob der Tod die im Gemüt edlere Möglichkeit des Entziehens und damit eine gangbare Form des Widerstands gegen diese Zumutung ist. Für den, der sieht und hört, für den der sich einlässt, ist es gar nicht anders möglich, als gemeinsam mit Hamlet bei der Sache zu sein, mit ihm die Zumutung seines Daseins ganz von Grund auf zu erfahren und doch in ihm einen unglücklichen Stellvertreter zu haben, der dies gewaltig uns alle Ansprechende noch in gewissem Abstand hält, uns gleichsam mitnaschen lässt, ohne uns selbst ganz in dieses Geschehen begeben zu müssen. Das Erleben der Entfremdung, das Herausgestoßen-Werden aus der vermeintlichen Mitte des Da, die vielleicht nur ein Schein war, wenn die Wahrheit tatsächlich aufbricht und zuerst nichts rettet, nichts schont, wenn der Abgrund sich gähnend öffnet, und wir uns ganz aussetzen müssen, weil es niemanden gibt, der uns hier, in dieser ursprünglichen Erfahrung vertreten könnte, will ausgestanden sein. Wir sehen diesem Hamlet zu, wie er das für uns tut. Und auch der Schauspieler (August Diehl ist es in dieser Spielzeit am Wiener Burgtheater) nimmt es auf sich, Hamlet zu sein. Das will durchgestanden und ausgehalten werden. Die Schauspieler sind die Hüter der Texte und leisten die Verkörperung, das Sein solcher in den Ursprung des Mensch-Seins hinabreichenden Figuren. Dies verlangt ihnen Ungeheures ab. Gelingt es, dass Hamlet auf der Bühne wirklich anwest, verhilft uns das zu einer Ahnung, wie es sein könnte, dorthin zu gelangen, wo er sich nun befinden muss. Hat uns das einmal angesprochen und in der Tiefe erreicht, können wir zwar das Theater verlassen, das Buch schließen, was uns aber angeht, ist unabweisbar. Die Kunst ist also eine Weise, uns Zugang zum Wesen der ursprünglichen Erfahrung zu ermöglichen.
Es gehört in das Wesen der Kunst, dass sie vermag das Seiende, die Welt für immer zu verändern, weil die Kunst Wahrheit als Unverborgenheit und als Streit zwischen Entbergung und Verbergung, Welt und Erde ins Werk birgt. Sie stiftet und kündet Wahrheit und braucht Bewahrende, welche die Hüter dieser Wahrheit sein werden d.h., das Werk ein Werk sein lassen. Dies sind die Menschen, welchen das Werk zu denken gibt, die sich davon ansprechen und verändern lassen. In Heideggers „Der Ursprung des Kunstwerkes“ lesen wir: „ ...denn ein Werk ist nur als Werk wirklich, wenn wir uns selbst unserer Gewöhnlichkeit entrücken und in das vom Werk eröffnete einrücken, um so unser Wesen selbst in der Wahrheit des Seienden zum Stehen zu bringen [...] Das Ins-Werk setzen der Wahrheit stößt das Ungeheure auf und stößt zugleich das Geheure und das, was man dafür hält, um. Die im Werk sich eröffnende Wahrheit ist aus dem Bisherigen nie zu belegen und abzuleiten.“[13]
Hamlet führt uns in seine Welt, in die Mitte seines „Streites“. Hamlet spielt den Verrückten, aber er ist auch so etwas wie ein Narr, der die Möglichkeiten des Sagens durchspielt und alle vor den Kopf stößt. Er ist der einzige Lebende, der die Wahrheit kennt, der einzige außer dem Mörder selbst. Er kann sein Wissen nicht kundtun: „Es ist nicht und es wird auch nimmer gut./Doch brich, mein Herz! denn schweigen muss mein Mund“.[14] Er kommt nicht ins Handeln, er zerbricht an dem Wissen, das er hat und das ihn aus der Welt verbannt, die nur Schein ist. Er kann nicht mehr mitspielen. Die Regeln sind verbogen und winden sich wie Würmer. Unter diesen Bedingungen noch mitzuspielen, wäre selbstzerstörerisch. Aber nicht mitzuspielen und ins Handeln zu gehen, so wie er das nun geforderte Handeln versteht und nur verstehen kann als einer, der so ist wie er, würde ihn zum Mörder machen. Dennoch hasst er sich selbst für dieses Zögern: „Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich brav,/Dass ich, der Sohn von einem teuren Vater,/Der mir ermordet ward, von Höll’ und Himmel/Zur Rache angespornt, mit Worten nur,/Wie eine Hure, muss mein Herz entladen/Und mich aufs Fluchen legen wie ein Weibsbild.“[15] Er trotzt seiner Mutter und dem König gegenüber mit Worten, stößt Ophelia mit Widersprüchlichkeiten von sich. Als diese seine Verwandlung bitter (v)erkennt („O welch ein edler Geist ist hier zerstört,...“), bricht es aus ihr heraus: „...weh mir, wehe!/Dass ich sah, was ich sah, und sehe, was ich sehe.“[16] Ophelia ist es, die im Verlauf des Stückes, nach dem gewaltsamen Tod ihres Vaters, in echten Wahnsinn verfällt und sich das Leben nimmt. Im Gegensatz dazu bleibt Hamlet ein Grenzgänger und rückt zwischen beiden Welten hin- und her. Sein Wahn scheint nur gespielt: „Wie fremd und seltsam ich mich nehmen mag./Da mir’s vielleicht in Zukunft dienlich scheint,/Ein wunderliches Wesen anzulegen.“[17] Schließlich ersticht er, freilich ohne zu wissen, um wen es sich handelt, den hinter einem Vorhang im Zimmer der Mutter versteckt lauschenden Polonius, Ophelias Vater, und würde im Wutrausch fast die eigene Mutter töten, erschiene nicht der Geist noch einmal, um ihn daran zu hindern und an die übernommene Pflicht zu erinnern. Er rast, weil er sich selbst, seinem Geschick, dem eigenen Blut, dem Blut des Vaters und des Vatermörders nicht entrinnen kann, aber auch weil er sich unverstanden und ungesehen fühlt. So erlebt er es. Selbst alle Bildung, die sein Herz und seinen Geist gelichtet haben mag, hat, kann diesem Sog, diesem Gefangensein in einem Ehrenkodex und seiner Einsamkeit kaum etwas entgegenhalten. Allein, sie bewirkt ein Gefühl des Hingehaltenseins. Jedoch ist es auch vorstellbar, dass er bereits erkennt, wie sinnlos blinde Rache letztlich wäre. Nietzsche beschreibt in „Die Geburt der Tragödie“ Hamlet als dem dionysischen Menschen ähnlich. Denn das rauschhaft-dionysische habe ein lethargisches Moment in sich, Raum und Zeit würden sich auflösen, das Selbst vergesse sich. „Sobald aber jene alltägliche Wirklichkeit wieder ins Bewusstsein tritt, wird sie mit Ekel als solche empfunden; eine asketische, willenverneinende Stimmung ist die Frucht jener Zustände. In diesem Sinne hat der dionysische Mensch Ähnlichkeit mit Hamlet: beide haben einmal einen wahren Blick in das Wesen der Dinge getan, sie haben erkannt, und es ekelt sie zu handeln; denn ihre Handlung kann nichts am ewigen Wesen der Dinge ändern, sie empfinden es als lächerlich und schmachvoll, daß ihnen zugemutet wird, die Welt, die aus den Fugen ist, wieder einzurichten. Die Erkenntnis tötet das Handeln, zum Handeln, gehört das Umschleiertsein durch die Illusion – das ist die Hamletlehre [...] – die wahre Erkenntnis, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit überwiegt jedes zum Handeln antreibende Motiv, bei Hamlet sowohl als auch beim dionysischen Menschen. Jetzt verfängt kein Trost mehr, die Sehnsucht geht über die Welt nach dem Tode, über die Götter selbst hinaus, das Dasein wird, samt seiner gleißenden Wiederspiegelung in den Göttern oder in einem unsterblichen Jenseits verneint...“[18] Aber ist es damit getan, die menschliche Existenz im Absurden zu gründen oder zu verneinen? So sehr die Welt, in der wir leben, in überwältigender Weise absurd ist (Franz Kafka, beispielsweise, hat dies Phänomen in ungeheuer feinfühliger Weise zur Sprache gebracht), so sehr fragt sich doch, ob wir das Verstehen hier nicht am falschen Ort suchen? Gilt es nicht zu allererst, sich auf unser Dasein zu verstehen, lebendig zu werden, „Hörige“ unserer Herkunft[19], indem wir in Verbindung zu dem gelangen, worin wir gründen? Und muss uns nicht alles absurd erscheinen, sinnlos, so lange wir dies, unseren eigenen Wesensgrund, nicht erfahren haben? Kann uns, was Hamlet zu denken gibt, hier auf die Fährte eines weiteren, tieferen Fragens nach uns selbst führen?
Die Veränderung des freien Selbst in der ursprünglichen Erfahrung
Was hat es tatsächlich mit dieser Zumutung des Daseins auf sich und kann sie nur solcherart verzweifelt beantwortet werden, wie Hamlet es vermag? Ja, können die wütenden Pfeil und Schleudern des Geschicks nicht auch nötig sein, um in die Wahrhaftigkeit des eigenen Seinsvollzugs zu finden? Welcher Gestalt ist eine solche ursprüngliche Erfahrung, die Hamlet paradigmatisch, wie alle tragischen Helden, nicht nur erlebt, sondern auf der Bühne uns vorstellt, uns mitzuerleben, mitzufiebern gibt?
Mit Hamlet zu gehen, zu fühlen, heißt sich von dem Riss ansprechen zu lassen, den die Wahrheit des Werkes ins Geheure reißt, sich auszusetzen dem Neuen, das sich zeigt, vermittelt durch die „entschärfte“ Version eines Bühnenstückes. Wer sich diesem Geschehen öffnet, wird durch das Erleben des Stückes verändert. Wie in der Odipus-Tragödie geht es um die Konfrontation mit der Wahrheit. Das tragische Geschehen ist immer auch ein Unverborgenheitsgeschehen, trägt im gelichteten Bereich des Daseins des Helden den Streit zwischen Entbergung und Verbergung aus. Der Held entspricht seinem Geschick auf die ihm mögliche Weise und trägt so zum tragischen Verlauf bei. Es geht somit auch um eine Kunst des Scheiterns. Das Scheitern aber gehört zum Leben und will gelernt sein. Lernen heißt aber „...unser Tun und Lassen zu dem in Entsprechung bringen, was sich jeweils an Wesenhaftem uns zuspricht.“[20] Das heißt, was wir als Scheitern erleben, als abträglich, unglücklich, schmerzlich, will ebenso eigens übernommen werden wie alles, was sich uns schickt. Aus Furcht davor auszuweichen heißt auch, sich dem, was das Leben uns nun zumutet, nicht zu stellen, in der Form des Ausweichens damit umzugehen und darin ebenso - und vielleicht stärker - auf das, wovor wir zurückschrecken, bezogen zu bleiben. Hamlet stellt sie Frage nach dem Sein auf die Weise, dass er angesichts der schier unerträglichen Wahrheit, die ihm zugemutet wird, abwägt, ob nun das Nicht-Sein, also der Tod, vorzuziehen wäre. Er träumt von der Erlösung und wer könnte es ihm verdenken? Aber im Schlag des Schicksals, wo aller Schein schwindet, das Sein des Seienden vielleicht ungeheuer rein erfahrbar wird, ist auch die Möglichkeit der ursprünglichen Erfahrung angelegt. Es ist eine klärende, alles verändernde Erfahrung. Die Welt ist nicht mehr wie sie war und all unser vermeintliches Umgehen-Können mit ihr gebricht.
Die ursprüngliche Erfahrung ist gekennzeichnet durch die unverfügbare Betroffenheit des Selbst. Wir können nicht bestimmen, wann dieses Geschick hereinbricht in unser Leben und auch nicht auf welche Weise, es kann blitzartig hereinbrechen oder ganz langsam sich „aufbauen“ und entwickeln. Wir sind dem Geschehen zuerst völlig ausgeliefert.[21] Der Mensch wird hier in seinem innersten Wesen erschüttert. Heidegger schreibt in „Unterwegs zur Sprache“: „Mit etwas, sei es ein Ding, ein Mensch, ein Gott, eine Erfahrung machen, heißt, daß es uns widerfährt, dass es uns trifft, über uns kommt, uns umwirft und verwandelt. Die Rede von "machen" meint in dieser Wendung gerade nicht, daß wir die Erfahrung durch und durch bewerkstelligen, machen heißt hier: durchmachen, erleiden, das uns Treffende [vernehmend] empfangen, [annehmen] insofern wir uns ihm fügen.“[22] Diese Erfahrung bewirkt, dass unser Selbst radikal in Frage gestellt wird, dass wir nicht mehr „sehr verlässlich zuhause sind in der gedeuteten Welt [...] denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang“, wie Rilke es treffend in seiner traurigen ersten Duineser Elegie beschreibt[23] „Solche Erfahrung schwebt natürlich nicht vollkommen bezuglos über das bisherige Welt- und Selbstverständnis hinweg. Es bricht gerade in dieses hinein, bricht unsere bisherigen Entwürfe auf, bricht uns gewissermaßen aus den gehegt-vertrauten Fugen des gewohnten Lebensrhythmus in unbekanntes Brachland auf.“[24] Diese Erfahrung lässt sich zunächst nicht ein oder unterordnen, sie fordert unser Wesen ohne „wenn und aber“, bedingungslos. Das eigene Dasein wird sich selbst zur brennenden existenziellen Frage. Immer ist das Selbst hierbei gefragt, eigentlich zu entsprechen. Es kann natürlich auch ausweichen, gibt aber dann die Möglichkeit der tiefen Erfahrung des eigenen Wesens preis.
Ein weiteres Kennzeichen der ursprünglichen Erfahrung ist die Unvertretbarkeit des betroffenen Selbst. Keiner kann in diesem Geschehen meinen Platz einnehmen, es wiederfährt mir, ist eine Erfahrung der Jemeinigkeit, niemand kann mich hier vertreten, ich bin auf einmalige Weise und ich bin selbst, ganz persönlich getroffen.
Das freie Selbst wird verwandelt im Vollzug der ursprünglichen Erfahrung. Wird das, was geschieht, was sich zuspricht, ausgestanden und gemeistert, wird sich das Selbst dadurch und daran in seinem Vollzug verändern, verwandeln. Die Möglichkeit der Transformation eröffnet sich im Horizont dieser Erfahrung. Dies zuzulassen, sich zu „fügen“, sich verwandeln lassen, übermächtigt, überwältigt werden, ist ein Freiheitsakt.[25] Es gilt, dem Sich-Zeigenden Raum und Zeit zur Entfaltung zu geben: „Wir machen die Erfahrung mit einer Sache nur durch und empfangen sie, wenn wir uns selber als offenen Raum an sie hingeben und uns für sie Zeit nehmen, d.h. und mit dem, was kommt und gewesen ist, auseinander- und zusammensetzen, und in der Weise zusammen-nehmen und sammeln.“[26] Das heißt wir können uns entschließen, diese Erfahrung zu durchschreiten, uns ihr hinzugeben, uns ihr sozusagen anvertrauen und geschehen lassen, was geschicklich uns in Anspruch nimmt. Wir können uns selbst dadurch tiefgehender kennen lernen und uns dem, was diese Begebenheit bewirkt, auf ureigene Weise anverwandeln, indem wir es zulassen. Dies birgt die Chance zu tiefster Selbsterkenntnis, zu Wachstum und Entwicklung. Ich werde in den Anspruch des sich Zeigenden hineinverwandelt, habe die Gelegenheit erstmals bisher ungeahnte Möglichkeiten meines ureigenen Wesens erfahren und erahnen zu lernen.[27]
In der ursprünglichen Erfahrung wird darüberhinaus die Öffnung für den Sinn des Ganzen möglich, denn sie „eröffnet den Ursprungsbereich für alle Erfahrung, lässt diesen hervorscheinen. Aber dieser wird nicht irgendwie "allgemein" in einer bloß theoretischen "Schau" erkannt, sondern es wird erfahren, wie "ich" in dieses Ganze auf unvertretbare Weise eingelassen bin und damit gewürdigt bin, dem Gewesenen eine neue Zukunft mitzueröffnen. Das bedeutet, es geht um eine Erfahrung des Grundes, die überwältigend sein kann und vielleicht gerade deshalb abgewehrt werden muss. Aber der Mensch muss sich zu zum Grund der Erfahrung in Bezug stellen und verhalten, es ist allerdings offen, ob er es zulassend, zugewandt vermag oder sich abkehren und flüchten muss. Die ursprüngliche Erfahrung ist kein Spaziergang, sie will eigens übernommen und ausgestanden werden. Es bleibt aber ein Akt der menschlichen Freiheit, sich dafür oder dagegen zu entscheiden. Wucherer-Huldenfeldt schreibt hierzu: „Die Erfahrung des Grundes im Vollzug unseres Daseins ist so in jedem menschlichen Dasein unausweichlich gegeben, dort vollzogen, wo sich der Mensch zu Anderen, zu sich selbst, zur Welt, zum Ganzen seines Daseins radikal, an die Wurzel rührend, verhält, ja, selbst dort, wo er meint, im Grunde (eigentlich) sei es mit dem Dasein nichts, vielleicht wäre Nichtsein besser als Sein...“ [28](sic!)
Somit ist die ursprüngliche Erfahrung in höchster Weise verbindlich. Wer sie macht, wird aus seinen alltäglichen, gewohnten Bezügen herausgerissen, verwandelt, ist nicht mehr der selbe wie zuvor, kann auch nicht so tun als wäre es nicht geschehen. Da wir dieser Erfahrung ausgeliefert sind, über sie nicht verfügen können und sie auch nicht delegieren ist es nachvollziehbar, dass wir ihr aus Angst unser Dasein im Grunde zu erfahren ausweichen wollen, wir wollen das Vertraute, das Geheure nicht solch wesentlichen Erschütterungen aussetzen.
Hamlet, obwohl er Übles ahnt, lässt sich von Horatio und Marcellus, die mit ihm wachen als der Geist seines Vaters erscheint, nicht abbringen, dem Geist zu folgen. Er ist fest entschlossen, trotz ungeheurer Angst, der Wahrheit ins Auge zu blicken: „Es winkt mir immerfort: lasst los! Beim Himmel,/Den mach ich zum Gespenst, der mich zurückhält“[29] Und als er dann weiß, was geschehen ist, versucht er einen Umgang damit zu finden. Er mutet sich das zu, setzt sich dem aus, was ihn anspricht. Aber er ringt auch, er fragt sich, ob es nun „edler im Gemüt“ sei „die Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden, oder, sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen – Nichts weiter!"[30] Die Frage so zu stellen ist wohl dann nachvollziehbar, wenn die ganze Existenz unter dem, was ihr widerfährt, erzittert, in Frage gestellt ist und noch keinen Weg des Umgangs, des eigentlichen Entsprechens gefunden ist.
Der Zumutung auf der Spur
Was ist denn unter Zumutung eigentlich zu verstehen.? Im etymologischen Wörterbuch findet sich der Hinweis, dass Zumutung auf das mittel- und althochdeutsche „muot“ (heute Mut) zurückgeht, was bedeutet nach etwas verlangen, nach etwas trachten, erregt sein. Ursprünglich bezeichnete es seelische Erregungszustände, triebhafte Gemütsäußerungen. Dann, später wurden damit Gemütszustände des Menschen beschrieben. Die heutige Bedeutung von Mut, nämlich Kühnheit, Tapferkeit setzte sich erst im 16.Jhd. durch. Das Gemüt stammt hiervon ab, gilt als eine Kollektivbildung zu Mut. Es bezeichnet die Gesamtheit (Versammlung) der seelischen Empfindungen u. Gedanken und deren Sinn. Das abgeleitete Verb „muten“ bezeichnet das seinen Sinn auf etwas richten, begehren. Im Duden steht es für: ein Ansinnen an jemanden haben, oder für ein ungebührliches Verlangen.[31] Eine Zumutung könnte in dieser Hinsicht verstanden werden als etwas, das über das Gemüt erfahren wird. Über die Stimmung erschließt sich uns das Dasein d.h. darüber wie uns zumute ist. Die Art und Weise wie wir für die Welt offen sind, ist über die Befindlichkeit eröffnet. Die Gestimmtheit bringt das Sein in sein Da[32]. Es wird uns zugemutet da zu sein und wir sind immer ge- und durchstimmt. In „Sein und Zeit“ lesen wir, „daß die Stimmung das Dasein vor das Daß seines Da bringt, als welches es ihm in unerbittlicher Rätselhaftigkeit entgegenstarrt.“ Und „Die Gestimmtheit der Befindlichkeit konstituiert existenzial die Weltoffenheit des Daseins“.[33] Heidegger schreibt weiter in der Metaphysik-Vorlesung, die zum Beispiel in der Grundstimmung der tiefen Langeweile mit angesagte äußerste Zumutung sei „Daß dem Menschen das Dasein als solches zugemutet wird, daß ihm aufgegeben ist, da zu sein“.[34] Dieses Dasein ist etwas, das der Mensch eigens zu übernehmen hat und er müsse sich erst wieder zu dieser Zumutung entschließen, das „...Wesen des Menschen befreien, das Dasein in ihm wesentlich werden lassen“.[35]„Wer sich nichts zumutet, kann nie um ein Versagen und Versagtsein wissen, sondern wiegt sich in einem Behagen, das hat, was es wünscht und nur wünscht, was es haben kann.“[36]
Wir hätten uns aus der Gefahrenzone des Daseins weggeschlichen, meint Heidegger in derselben Vorlesung, heute überhebe sich niemand mehr am Dasein. „Das Geheimnis fehlt in unserem Dasein und damit bleibt der innere Schrecken aus, den jedes Geheimnis bei sich trägt und der dem Dasein seine Größe gibt“.[37] Das Ausbleiben einer wesenhaften Bedrängnis unseres Daseins im Ganzen ist das im Grunde Bedrängende und zutiefst Leerlassende, meint er weiter, und wir können diese Bedrängnis kaum vernehmen, weil das „unhörbar bleibt, was in solchem Versagen sich ansagt.“[38] In solchem Versagen ist ein Entzug spürbar, Entzug sei Ereignis, meint Heidegger in „Was heißt Denken“[39]. Aber warum spüren wir diesen Entzug nicht mehr, die Not des Ausbleibens der Bedrängnis im Ganzen? Der Mensch müsse sich erst wieder zu dieser Zumutung entschließen, „Dazu, daß es sich erst wieder das echte Wissen um das verschafft, worin das eigentlich Ermöglichende seiner Selbst besteht.“[40] Der Grund, in dem unser Wesen wurzelt, ist ein Abgrund, ein abgründiger Grund, und die Weise wie dieser Grund erfahrbar und als tragend erlebt werden kann, ist selbst Ereignis, kann nicht gemacht oder hergestellt werden. In der ursprünglichen Erfahrung eröffnet sich der Möglichkeitsbereich aller Erfahrung.
Hamlet will den Geist sehen und will auch mit ihm gehen, zu erfahren, was er ihm zu sagen hat. Er will wissen, auch wenn er ahnt, dass dieses Wissen seine Welt aus den Angeln heben wird. Odipus will die Wahrheit erfahren, auch wenn sie so unerträglich ist, dass er sich blenden muss, er stellt sich. Da ist ein Riss. Hamlet ist der Mensch in dessen Existenz dieser Riss aufplatzt, der dieses Aufgerissen-Abgründige aushalten muss, es sich zumutet und es auf seine Weise auch aushält und vollbringt. Aber er ist auch ein Mensch, den das Leben beschenkt, weil es ihn herausfordert, indem es ihm das Neue zeigt. Solange wir uns im Geheuren befinden, uns von der „Gefahrenzone“ fernhalten gilt: Der aus dem Riss dessen, was ist, aufsteigende Schmerz erreicht den Menschen noch nicht in seinem Wesen.[41] Hineingerissen Werden in eine ursprüngliche Erfahrung, ist also eine Weise mit dem Wesensgrund auf tiefgehende und nie erlebte Weise in Verbindung zu gelangen, bisher ungeahnte Möglichkeiten zu entdecken und zu wachsen.
Aber wächst dieser Hamlet? Das ist eine gar nicht so leicht zu beantwortende Frage. Am Grabe der Ophelia ändert sich etwas, das ist spürbar. Zuvor nimmt der Prinz verschiedene Totenschädel in die Hand, auch den des Hofnarren, auf dessen Schultern er als kleiner Junge saß, und sinniert über die Endlichkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Die Vergangene ist das Vermächtnis der Zeit, die ständig kommt, indem sie vergeht. Wir können sie weder festhalten, noch in ihrem Vergehen anders beeinflussen, und das Es-War der Zeit, das Vergangene ist unserer Gestaltungsmöglichkeit entzogen. Heidegger erläutert, dass dies es sei, was Nietzsche meinte mit dem Widerwillen des Willens gegen die Zeit und ihr Es-War.[42] Denn das Gewesene ist vergangen und dem Willen nicht mehr verfügbar. Dem Gewesenen nachzustellen, im Sinne einer Rache ist eine mögliche Haltung, in der aber der Blick auf das Vergangene fixiert bleibt und die gegenwärtigen Möglichkeiten daher Gefahr laufen brach liegen zu bleiben. Uns versammeln, etwas vollbringen und gestalten können wir aber nur im Jetzt. Wer also in der Vergangenheit hängt, versäumt die gegenwärtigen Möglichkeiten. Vielleicht ist es dies, was Hamlet in der Friedhofszene und angesichts des Todes der geliebten Ophelia erkennt. Nun trifft ihn auch zutiefst, wie blindwütig, rachedurstig der junge Laertes ihm begegnet. All dies bewirkt offenbar eine Wandlung in Hamlet, und er beginnt sein Leben zu schätzen und zu verteidigen, indem er z.B. eine gegen ihn gerichtete Mordabsicht geschickt in einem gefälschten Schreiben abändert, und so Rosenkranz und Güldenstern, seine treulosen Jugendfreunde, zu Tode kommen. In der letzten Szene des Stückes, dem Kampf mit Laertes, ist er merkwürdig weich und offenherzig, kann der Mutter wieder freier, fast liebevoll begegnen und auf Laertes zugehen, der ihm aber zunächst nicht vergeben kann. Und als er mit der von Laertes vergifteten Schwertspitze am Halse geritzt wird und durch diesen erfährt: „Hier, Hamlet: Hamlet, du bist umgebracht,/Kein Mittel in der Welt errettet dich,/In dir ist keine halbe Stunde Leben,/Des Frevels Werkzeug ist in deiner Hand,/Unabgestumpft, vergiftet, meine Arglist/Hat sich auf mich gewendet – sieh! hier lieg ich,/Nie wieder aufzustehen...“[43] ergibt er sich seinem Schicksal, nicht ohne vorher noch den gehassten König zu töten und Horatio zu bitten sein „Geschick zu melden“, also die Geschichte zu erzählen, wie sie war. Hamlet ist tot, er schweigt, aber seine Geschichte, sein Schicksal sprechen immerfort weiter zu uns. Kann es ein beredteres Schweigen geben als eines, welches uns aus einem Kunstwerk (wie dieser Shakespeare-Tragödie) immer wieder, immer weiter angeht, uns zu hören und zu denken gibt? Und was bedeutet Franz Kafkas Frage, die wir 1915 in sein Tagebuch notiert finden? „Wie konnte Fortinbras sagen, H. hätte sich höchst königlich bewährt?“[44] Fortinbras, der Prinz von Norwegen ist es, der die letzten Worte des Stückes spricht: Lasst vier Hauptleute Hamlet auf die Bühne/Gleich einem Krieger tragen: denn er hätte/Wäre er hinaufgelangt, unfehlbar sich/Höchst königlich bewährt...“[45] Das hätte er wohl, weil er ein anderer geworden ist. Im Durchschreiten der ursprünglichen Erfahrung hat er eine Wandlung erfahren. Er fügt sich dem, nicht ohne Widerstand und Aufbegehren, schließlich dennoch erkennend, dass dies die einzig wahrhaftige Möglichkeit für ihn ist, zu sein. So stirbt er schließlich gerade in dem Moment, wo er erkennt, was es heißt zu leben und dass er leben will. Und wir, die wir an der Erfahrung Hamlets teilhaben dürfen, werden im besten Falle auch verändert und erinnert an jenes, worauf unser Wesen in der Tiefe gründet. Uns dazu immer wieder, in jeder Generation neu zu verhelfen ist das Vermächtnis des Hamlet.
Fußnoten:
[1] William Shakespeare 2001, S.60
[2] Heinrich von Kleist 2001 (Prothoe zu Penthesilea) S.89
[3] Martin Heidegger 1992, S.246
[4] Franz Kafka 2008, S.101
[5] Krippendorf 1992
[6] Shakespeare 2001, S.15
[7] ebd.
[8] ebd., S.27
[9] ebd., S.28 u. 29
[10] ebd., S.33
[11] ebd., S.28
[12] ebd., S.135
[13] Heidegger 1960, S.77
[14] Shakespeare 2001, S.16
[15] ebd., S.56
[16] ebd., S.63
[17] ebd., S.32f.
[18] Nietzsche 1994, S.51
[19] Heidegger 2006, S.4
[20] Heidegger, WhD., 1992, S.8
[21] Helting 1999
[22] Heidegger: Unterwegs zur Sprache. Zitiert in Helting 1999, S.46
[23] Rilke 2010, S.689
[24] Helting 1999, S.47
[25] ebd., S.49
[26] Wucherer-Huldenfeldt 1997, zitiert in Helting 1999, S.50
[27] Helting 1999, S.50
[28] Wucherer-Huldenfeldt 1997, zitiert in Helting 1999, S.51 (Hervorhebung d. Autorin)
[29] Shakespeare 2001, S.26
[30] ebd., S.60
[31] Duden, Herkunftswörterbuch 1989
[32] Heidegger 1927, S.134
[33] ebd., S.136
[34] Heidegger, GdM, 1992, S.246 (Hervorhebung im Original)
[35] ebd., S.248 (Hervorhebung im Original)
[36] ebd., S.246
[37] ebd., S.244 (Hervorhebung im Original)
[38] ebd., S.245 (Hervorhebung im Original)
[39] Heidegger, WhD, 1992
[40] Heidegger, GdM, 1992, S.247
[41] Heidegger, WhD, 1992
[42] ebd.
[43] Shakespeare 2001, S.134
[44] Kafka 2008, S.101 (Kafka sah auch den Bassermann als Hamlet am 6.12.1910 im Deutschen Theater in Berlin: Er schrieb auf eine Karte an Max Brod einzig dies: „Max, ich hab eine Hamletaufführung gesehen oder besser den Bassermann gehört. Ganze Viertelstunden hatte ich bei Gott das Gesicht eines anderen Menschen, von Zeit zu Zeit musste ich von der Bühne weg in die leere Loge schauen, um in Ordnung zu kommen.“ Kafka 1975, S. 84)
[45] Shakespeare 2001, S.137
Literaturliste
Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit (als „GdM“ in den Anmerkungen zum Text abgekürzt),(1992) Gesamtausgabe, II Abteilung: Vorlesungen1923-1944 Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2.Auflage
Heidegger, Martin (2006): Der Feldweg. Vittorio Klostermann, 11. Auflage, Frankfurt am Main
Heidegger, Martin (1993): Sein und Zeit. Max Niemeyer Verlag, Tübingen (Ersterscheinung 1927)
Heidegger, Martin (2007): Unterwegs zur Sprache. Klett-Cotta; 15. Auflage
Heidegger, Martin: Vom Ursprung des Kunstwerks (2008) Reclam Universalbibliothek, Stuttgart
Heidegger, Martin (1992): Was heißt Denken? Vorlesung Wintersemester 1951/52 (Als WhD. in den Anmerkungen zum Text abgekürzt) Reclam Universalbibliothek, Stuttgart
Helting, Holger (1999): Einführung in die philosophischen Dimensionen der psycho-therapeutischen Daseinsanalyse. Shaker Verlag, Aachen
Kafka, Franz (2008): Tagebücher Bd. 3, 1914-1923. Originalfassung, in der Fassung der Handschrift. Eintrag vom 29.IX.1915, Fischer TB Verlag, Frankfurt a. M., S. 101
Kafka, Franz (1975) Briefe 1902-1924. Hg. Max Brod. Fischer TB Verlag, Frankfurt a. M.
Kleist, Heinrich von (2001) Penthesilea. Reclam Universalbibliothek, Stuttgart
Krippendorf, Ekkehard (1992): Die Politik in Shakespeares Dramen, Suhrkamp, Frankfurt am Main (auszugsweise veröffentlicht im Programmheft zu „Hamlet“ am Wiener Burgtheater, Spielzeit 2013/14, Regie: Andrea Breth, Hamlet: August Diehl)
Nietzsche, Friedrich (1994): Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus. In Werke in drei Bänden. Band 1, S. 5-152, Könemann Verlagsgesellschaft Köln
Rat der Dudenredaktion, Hg. (1989): Duden. Herkunftswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim, Wien, Zürich
Rilke, Rainer Maria (2010): Die Gedichte., 6. Auflage, S. 689. Insel Verlag, Frankfurt a. M. und Leipzig
Shakespeare, William: Hamlet. Prinz von Dänemark (2001), Reclam Universalbibliothek, Stuttgart (In der Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, herausgegeben von Dietrich Klose)
Wucherer-Huldenfeldt, Karl Augustinus (1997): Ursprüngliche Erfahrung und Personales Sein. Band 2, S.148 f., Böhlau Verlag, Wien