Die Zauberlehrlinge des Seins
Suchtverständnis und Suchtbehandlung vor dem Hintergrund der psychotherapeutischen Daseinsanalyse[1]
“Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich, und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu’ ich Wunder auch.
[...]
Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd’ ich nun nicht los ...”
Was kann nun der Anfang eines solchen Unternehmens sein, das Suchtverständnis und die Suchtbehandlung aus daseinsanalytischer Sicht darzustellen? Wie versteht sich das mit Goethes Zauberlehrling? Wohl scheint mir, der beste Anfang ist tatsächlich das Fragen und einiges spricht dafür, dass selbst der beste Schluss, die beste Conclusio sozusagen, wieder in einer Frage bestehen könnte, das heißt darin, in das angemessene, das richtige Fragen zu finden, besser noch, überhaupt ins Fragen zu finden. Wie kommen wir nun also auf den Weg in dieses Fragen, in eine Offenheit, die etwas fragwürdig werden zu lassen vermag? Denn „Jedes Fragen ist ein Suchen. Jedes Suchen hat sein vorgängiges Geleit aus dem Gesuchten her“ (Heidegger, 1993, S.5). Bevor wir nun aber in dieses Fragen finden, uns auf die Suche machen nach dem Wesen der Sucht, dem Wesensvollzug des süchtigen Menschen, nach den Einschränkungen, die ein süchtiges Weltverhältnis im freien Austrag der eigenen Existenzmöglichkeiten aufweist und überlegen, was das mit der menschlichen Freiheit überhaupt zu tun haben könnte, soll in aller hier gebotener Kürze zu den Grundzügen der Daseinsanalyse etwas gesagt sein.
Wie lässt sich die Daseinsanalyse von den Phänomenen anblicken?
Auf welche Weise sieht die Daseinsanalyse? wäre eine erste mögliche Frage, vielleicht besser formuliert, in welcher Weise ist die den Phänomenen gegenüber offen. Dahinter steht im Grunde eine Haltung, die, nach Edmund Husserl „zu den Sachen selbst“ vordringen möchte (Helting, 1999) und die vom Husserl-Schüler Martin Heidegger weiterentwickelt und in folgender Weise als phänomenologische Maxime formuliert wurde: „Das, was sich zeigt, so wie es sich von ihm selbst her zeigt, von ihm selbst her sehen lassen“ (Martin Heidegger 1993, S.34, Hervorhebung durch die Verfasserin). Die Daseinsanalyse versteht sich als tief in der Existenzphilosophie Martin Heideggers verwurzelte philosophische und psychotherapeutische Denkschule, Haltung und Praxis, die nach dem Sein des Seienden und nach dem Sinn von Sein fragt und in der Weise dieses Fragens das menschliche Dasein in seinem Wesen zu verstehen trachtet. An die Stelle des Begriffes der Psyche wird der von Heidegger verwendete Begriff Dasein gesetzt. Dies gründet in dem Versuch das neuzeitliche Subjektdenken zu hinterfragen und an dessen Stelle einen angemesseneren, dem tatsächlichen Phänomen gerechter werdenden Blick auf das Wesen des Menschen zu erlangen.
Der Mensch wird als Dasein ausgelegt, welches sich wesentlich konstituiert in seiner Offenheit der Welt gegenüber. Dasein ist weltoffen, ist In-der-Welt-sein, d.h. dieses „Gegenüber“ wird nicht im Sinne einer Subjekt-Objekt-Beziehung verstanden sondern als „In-sein“ . Das Sein dieses Da, das Ausstehen dieses je eigenen Da, also auch für „Dinge“ und „Mitmenschen“ da zu sein, ist das, worum es dem Dasein im Wesentlichen geht. Dieses Sein ist kein Ding, es ist vielmehr ein sich zeitigendes Geschehen, ein Anwesen; es ist also transitiv zu verstehen.
Das Dasein nun, ist sich selbst erschlossen in den Stimmungen, das heißt in der Weise, wie es sich je in seinem Da befindet. „Die Stimmung hat je schon das In-der-Welt-sein als ganzes erschlossen und macht ein Sichrichten auf ... allererst möglich“(ebd., S.137). In dem Wort „Weise“ klingt ja auch eine alte Bezeichnung für das Lied mit an, welches stets in einer bestimmten Stimmung erklingt. Die Stimmung wird als Art verstanden, wie einem ist. „Das Dasein wird durch die Stimmung angehbar, berührbar. Es wird betroffen, angegangen von Welt“ (ebd.). Unsere Stimmung bestimmt die Weise wie wir für die Welt offen sind. In der Trauer zum Beispiel sind wir für ganz anderes offen als in der Langeweile, im Staunen oder in der Angst. In der Verstimmung dagegen ist das Dasein sich selbst gegenüber blind, die Umwelt, der seine Sorge (seine Fürsorge) gilt, verschleiert sich. So spricht die Daseinsanalyse beispielsweise von einer depressiven Verstimmung, etwa im Gegensatz zur Stimmung der Trauer und der Melancholie. „Auch wenn das Dasein im Glauben seines »Wohin« »sicher« ist oder um das Woher zu wissen meint in rationaler Aufklärung, so verschlägt das alles nichts gegen den phänomenalen Tatbestand, daß die Stimmung das Dasein vor das Daß seines Da bringt, als welches es ihm in unerbittlicher Rätselhaftigkeit entgegenstarrt.“ (ebd., S.136). Dieses Phänomen, dass wir zu sein haben bestimmt den Lastcharakter des Daseins. In bestimmten Stimmungen wird dieser Lastcharakter besonders offenbar, in der Angst beispielsweise, in der Leere und dem Hingehaltensein der tiefen Langeweile und in der anhaltenden, ebenmäßigen, faden Ungestimmtheit. „Und wiederum kann die gehobene Stimmung der offenbaren Last des Seins entheben; auch diese Stimmungsmöglichkeit erschließt, wenngleich enthebend, den Lastcharakter des Daseins“ (ebd., S.134).
Das Dasein als gestimmtes In-der-Welt-sein ist verstehend, es versteht sich auf sein Sein. Dies ist ein Grundzug des Daseins, d.h. einem jeden Dasein im Grunde möglich. Der Mensch kann sich unmittelbar selbst verstehen und auch die ihm begegnenden Mitmenschen und Dinge in der „Einheit des Da, in der Weltoffenheit seiner Horizonte, die er seiner ekstatischen Wesensverfassung nach ist.“ [sic!] (Heidegger zitiert in Boss 1957, S. 70 – Hervorhebung durch d. Verfasserin) Weitere solche dem Dasein wesensmäßig zugehörige Grundstrukturen, von Heidegger Existenzialien genannt, sind die Leiblichkeit, die Sterblichkeit (das Sein zum Tode), die Sorge (das Dasein sorgt sich um sein Sein, nicht im Sinne einer Furcht, sondern im Sinne einer Fürsorge, einer Sorge für sein Da), das Mitsein mit anderen Menschen, die Räumlichkeit, die Zeitlichkeit und einige mehr.
Die wesentlichen Grundzüge des daseinsanalytischen Menschen- und Welt- und Krankheitsverständnisses fundieren, wie die Daseinsanalyse sich von den Phänomenen anblicken, ansprechen und leiten lässt. Was sich zeigt wird phänomenologisch, in seinem eigenen Bedeutungsgehalt ausgelegt und ist immer auf das Ganze einer Lebensgeschichte zu beziehen. „Wesentlich ist [...] insgesamt in der therapeutischen Arbeit der Vorblick auf den „ganzen“, gesunden Menschen“ (Vetter, Foerster 1994). Martin Heidegger äußerte sich in den Zollikoner Seminaren in dem Sinne, dass wir, wenn wir es mit der Krankheit zu tun haben, es in Wahrheit mit der Gesundheit zu tun haben, im Sinne von fehlender, wiederzugewinnender Gesundheit (Heidegger 2006).
In der daseinsanalytischen Psychotherapie kommt der faktische, also tatsächliche Vollzug des In-der-Welt-seins des Klienten in den Blick. Es geht nicht um die hinter diesen Phänomenen liegenden Strebungen, sondern um die Phänomene selbst. „Kernstück und tragendes Fundament“ der Therapie ist aber die Beziehung des kranken Menschen zum Therapeuten. „Von allem Anfang sind Therapeut und Analysand in eine ursprüngliche, mitmenschliche Beziehung eingelassen, zu der jeder das Seine beiträgt. Analytiker und Analysand sind aus dem Ganzen einer Welt eingefügt in ein Geschehen, das die Entwicklung der Beziehung beider bestimmt, den Analysanden zur Eigenständigkeit führt und ihm seinen Ort in der Welt zuweist“ (Foerster, Vetter 1994, S. 194). Die Entwicklung, welche der Patient in seinem bisherigen Leben vollziehen konnte, ist „gestört“, d.h. in Hinsicht auf den ursprünglich als frei angelegten Vollzug seiner ureigenen Möglichkeiten im Austrag eingeschränkt. Es geht folgerichtig in der Therapie um die Befreiung zum eigentlichen Selbst. Die dem Klienten, wie jedem Menschen im Grunde gegebenen freien Möglichkeiten sind eingeschränkt, und das zeigt sich in neurotischen, psychosomatischen und psychotischen Störungen. „Aufgabe des Analysanden ist es, sich in die entstehende Beziehung zum Therapeuten einzulassen, um in dieser nachzureifen. Aufgabe des Therapeuten ist es, 1. Einen Einblick in die gelebten und leibhaften Austragungsweisen jener dem Menschen gegebenen Möglichkeiten zu erhalten, die konstitutiv für sein Wesen sind und von Heidegger als „Existenzialien“ bezeichnet wurden, und 2. der sich entwickelnden Beziehung zum Analysanden zu entsprechen“ (ebd.). Ein fundamentaler Bestandteil der daseinsanalytischen Psychotherapie, die mehrmals die Woche im Liegen stattfindet, ist die Traumauslegung. Hier wird ausschließlich bei dem geblieben, was sich zeigt und keine Symboldeutung vorgenommen. Es wird weder auf die Unterscheidung von manifestem und latentem Trauminhalt, noch auf die Annahme der Traum sei eine Wunscherfüllung zurückgegriffen. Da es der Daseinsanalyse um Weltoffenheit, um gestimmtes, verstehendes In-der-Welt-sein geht, fragen wir den Träumer nach der Welt, in die er sich träumt (es ist ein großer Unterschied, ob in der Traumwelt Krieg herrscht oder ein blühender Garten auftaucht, ob der Träumende sich stets allein, ohne andere Menschen träumt oder eingelassen in Beziehungen etc.). Wesentlich in der Traumauslegung ist die Frage nach der Stimmung, der Befindlichkeit im Traum, denn das gibt Auskunft über die Gestimmtheit des Weltverhältnisses des Träumers. Was sagen wir beispielsweise zu einem Traum, wo der Träumende die geliebte Frau vor sich sieht, aber nicht zu ihr gelangen kann, sich ängstlich, hilflos, wie gelähmt fühlt? Weitere wichtige Fragen zur Auslegung eines Traumes sind, was oder wer dem Träumenden begegnet und in welcher Weise er entsprechen kann, das heißt damit stimmig und eigenständig umgehen. Oft zeigt sich Entwicklung in der Psychotherapie zuerst in den Träumen, wo auf einmal etwas möglich wird, was bisher undenkbar schien, wo dem Träumer neue Vernehmens- und Verhaltensmöglichkeiten aufgehen und er Umstimmung erfährt.[2]
„Und mit Geistesstärke tu ich Wunder auch“. Wer ist der Zauberlehrling?
Der Zauberlehrling. Was ist das für ein Mensch? Er ist jung, ein Lehrling, also ein noch Lernender, Auszubildender, der demzufolge noch nicht fertig ist, nicht ausgereift. Er braucht noch einen Meister, der ihn die Dinge lehrt. Nun aber meint er, da der Meister aus dem Hause ist, er könnte das bereits geradesogut wie jener. Die Geister rufen und beherrschen, Macht ausüben und Kräfte kontrollieren, dabei fest auf beiden Beinen stehen, sicher und gelassen. Der Zauberlehrling maßt sich etwas an. Er überschätzt sich, d.h. er überspringt etwas, kann eine Entwicklung nicht abwarten, das Hingehalten-sein, Sich-Zeit-Lassen nicht durchstehen, denkt, er ist schon so weit. Er übergeht damit, was wirklich ist, er vergisst, wo er steht, wo er sich in seinem Sein befindet. Und tatsächlich, es scheint, er beherrscht den Besen genauso gut wie sein Meister, es scheint, dass er der Sache gewachsen ist. So ist die Freude groß, vielleicht sogar berauschend groß. Und als, was er bewirken wollte, gelungen und vollendet scheint, stellt er fest, die Situation ist ihm entglitten, das rechte Wort will ihm nicht einfallen. Der Besen ist außer Kontrolle geraten, der Zauberlehrling ist von einem Moment auf den anderen hilfloser Zuschauer geworden eines Geschehens, dem er gänzlich ausgeliefert ist, das er nicht mehr in den Griff bekommen kann und dem er in (fast!) keiner Hinsicht mehr gewachsen ist. Es scheint, nun ist er in der größten Unfreiheit, hat die Macht verloren. Aber dem ist vielleicht gar nicht so, denn hierin, im Auge des Sturmes, geht ihm auf, wo er steht, sich befindet also, was er schon kann und was er noch nicht kann, es geht ihm auf, wer er ist. Er erkennt sich als das, was er ist und im Annehmen dieser Gewissheit, wird er wieder frei, das hier und jetzt Richtige zu tun, nämlich den Meister um Hilfe zu rufen. „Herr die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister, / Werd’ ich nun nicht los...“ Und wirklich, der Meister kommt, hilft, beendet das wütende Geschehen. Und, er macht dem Zauberlehrling keinen Vorwurf, wie es scheint. Das lässt sich jedenfalls hoffen, denn Goethe erzählt uns die Geschichte nicht über den Punkt des rettenden Eingreifens des Meisters hinaus
Der Zauberlehrling meint schon weiter zu sein, als er wirklich ist. Er überspringt etwas. Das ist ein erster Hinweis auf einen Aspekt, der sich auch im Phänomen, des süchtigen Weltverhältnisses finden lässt. Es scheint ein Mangel zu bestehen, ein Mangel, der durch das Herstellen der Situation, die in die Berauschung führt, und das Gleiten in diese kompensiert zu werden vermag. Dabei gibt es keinen vorstellbaren Weltbezug, der nicht süchtigen Charakter annehmen könnte (Condrau, C. 2000). Diesem Mangel nun gilt es weiter nach zu denken. Um dies zu tun, betrachten wir zuerst einmal den Zustand der Berauschung, die Stimmung, die Befindlichkeit im rauschhaften Existieren, denn das Verstehen dieser Weise in der Welt zu sein, hilft uns, dem auf die Spur zu kommen, was das Wesen des Mangels sein könnte, den sie zu überdecken, lösen, scheinbar auszugleichen oder gar zu betäuben vermag. Der Rausch ist zum einen ein stillendes Phänomen, er stillt Unruhe und Sehnsucht, erlöst uns zeitweise von der Unausweichlichkeit unser Leben, wie es jetzt eben ist, leben zu müssen. Er hilft zu vergessen oder uns noch mehr in der Selbstvergessenheit zu halten, er entlastet uns von der Stimmung, in der wir uns befanden, bevor wir in den rauschhaften Zustand gelangten, er versetzt uns, nicht immer, aber meistens, in gehobene Stimmung. Im Rausch ist etwas Freilassendes.
Entgegen der Last: Auf den Schwingen der berauschten Existenz
Einer der hellsichtigen Denker des Rausches ist Friedrich Nietzsche. Er meint in der „Geburt der Tragödie“, im Dionysischen finden wir jenes Phänomen umfassend ans Licht gebracht, „das uns am nächsten noch durch die Analogie des Rausches gebracht wird. Entweder durch den Einfluß des narkotischen Getränks, von dem alle ursprünglichen Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings, erwachen jene dionysischen Regungen, in deren Steigerung das Subjektive zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet“ (Nietzsche, Werke 1, 1994, S.23, Hervorhebung durch die Verfasserin). Bei Rüdiger Safranski lesen wir folgendes zu Nietzsches Geburt der Tragödie und dem Dionysischen – dem bekanntlich das Appolinische gegenübergestellt ist: „Das Dionysische liegt vor der Zivilisation und unter ihr, es ist die zugleich bedrohliche und verlockende Dimension des Ungeheuren. Verlockend am Dionysischen ist eine dreifache Entgrenzung, eine dreifache Überwindung des principium individuationis [...] Der Mensch entgrenzt sich zur Natur hin, er fühlt sich eins mit ihr. Er entgrenzt sich zum Mitmenschen hin, im Orgiasmus, in der Liebe und im Rausch der Masse. Und die dritte Schranke wird im Inneren des Individuums niedergelegt. Das Bewusstsein öffnet sich für sein Unbewusstes“ (Safranski 2002, S.59).
So enthebt uns der Rausch einer bestimmten Stimmung und auch dem Erleben von Welt wie es sich in dieser Stimmung ausprägt. Der Rausch bewirkt häufig eine Steigerung der gehobenen Stimmung. In der Berauschung kann aber im Grunde jede Stimmung eine Verstärkung erfahren, bzw. in ihrem Erleben losgelassener sein. Man kann geradezu ekstatisch außer sich geraten. So kann im Rausch tatsächlich ein Offenbarungserleben möglich werden. Der Rausch birgt aufschließende Kraft in sich und ist nicht nur krankhafte Erscheinung. Solchen ekstatischen Rauscherfahrungen muss das Dasein allerdings gewachsen sein, denn, wie oben bereits erwähnt, hier werden wir offen für das Ungeheure. Im Rauscherleben ist zudem zugleich ein lethargisches Moment enthalten, welches den Anschein erweckt, die Zeit bliebe stehen, könne angehalten werden. Das Raum- und Zeitvernehmen wandelt sich, wird weiträumiger, entgrenzter. „Die Zeit erscheint in einem »stehenden Jetzt«, einer stehenden Gegenwart stillzustehen. Sie findet in sich selber ein volles »Genüge« in einem Gefühl der Unabänderlichkeit des augenblicklichen Zustandes. Vergangenheit wird nicht mehr als lastend und die Zukunft nicht mehr als drohend empfunden. Die Gegenwart dehnt sich gleichsam ins Grenzenlose, sie wird in sich selbst zur Unendlichkeit (Bollnow 1956, zitiert in Condrau, C. 2000, S. 148). Auch das Realitätsbewusstsein verändert sich im rauschhaften Erleben. In der gehobenen, ekstatischen Stimmung erlebt sich das Dasein leicht, der Lastcharakter, das „nackte Dass“ wird sozusagen aufgehoben oder zumindest ein Stück ge-hoben. Einschränkungen im Vollzug unserer Wesensmöglichkeiten können sich weiten. So erleben wir uns befreit im Rausch, befreit von etwas aber auch zu etwas. Im berauschten Sein fällt vieles leichter: Dinge auszusprechen, etwas zu wagen, sich herauszubewegen aus der möglicherweise zumeist als eng empfundenen alltäglichen Existenz, Hemmungen fallen zu lassen. Im Rausch ist das Über-sich-selbst-Hinausschreiten, aber auch das Sich-selbst-Überholen naheliegend. Die Realität wird also nicht mehr als so einschränkend empfunden. Im Rausch liegt eine weltöffnende Kraft. Man „sieht die »Realität« oder die Welt im Rausch nicht mehr als einen das Leben einschränkenden Widerstand, sondern sie verwandelt sich in den tragenden Untergrund, dem sich der Mensch tief innerlich verbunden fühlt“ (ebd). Der Rausch ist aber zeitlich begrenzt, der Zustand ist vergänglich, d.h. es folgt früher oder später die Ernüchterung. Beides, Faszination und Vergänglichkeit lassen schon ahnen, wie dieser Zirkel der Sucht entstehen könnte, wo der freie Austrag der existenziellen Möglichkeit des Rausches in eine tiefe Unfreiheit, in ein Wiederholen-Müssen abgleitet und zu Abhängigkeit und Siechtum führt.
Sich ansprechen lassen vom Wesen der Sucht und vom Wesen des süchtigen Menschen
Heinz-Peter Röhr beschreibt sehr eindrücklich die Entwicklung des süchtigen Geschehens, das Fortschreiten, den zunehmenden Freiheitsverlust, die Einengung der gesamten Welt des Süchtigen auf jenen Bereich seines Existenzvollzugs, der sich in der Sucht verselbstständigt hat, wie der Besen des Zauberlehrlings: „Das Suchtmittel vermittelt in der Anfangsphase die Illusion von Beschwerdefreiheit, Glück, Zufriedenheit, Rausch – Bedürfnisbefriedigung sofort! Später dominiert der Zwang, die Droge unter allen Umständen und im Übermaß konsumieren zu müssen. Aus scheinbarer Freiheit werden totale Abhängigkeit, Siechtum, körperlicher und geistiger Verfall. Die Droge zwingt den Betroffenen immer wieder in die Knie und mit immer wiederkehrender und immer wieder aufgebrachter Energie kämpft der Suchtkranke dagegen an. Entgiftungsbehandlungen, Zusammenbrüche, Krampfanfälle, Verlust des Arbeitsplatzes. Verlust wichtiger Beziehungen - etwa des Partners - , immer schwerere körperliche Folgeschäden lassen allmählich die Erkenntnis wachsen, dass es so nicht mehr weitergehen kann“ (2011, S. 58).
Es ist oft ein weiter Weg, bis ein suchtkranker Mensch einsehen kann, wie es um ihn in Wahrheit steht. Er ist zumeist von der Sucht fasziniert und die Krankheitseinsicht fällt schwer. Das ist zudem sicherlich auch ein „moralisches“ Problem, weil Suchtverhalten, je nach Ausprägung und Art des „Stoffes“ in der Gesellschaft als unerwünscht und schlecht gilt. Niemand gibt wohl gerne zu, dass er in diesen Kreislauf geraten ist, auch wenn er es selbst bereits erkannt hat oder zumindest ahnt. Im Gegenteil, alles nur Erdenkliche wird unternommen, um die Krankheit zu verbergen, geheim zu halten, wie es um einen steht. Hinzu kommt, dass ein Zugeben der Sucht notwendig mit dem Anspruch von Außen zusammenfällt, etwas dagegen zu unternehmen, also vom Suchtgegenstand zu lassen. Das scheint jedoch undenkbar.
Der Terminus Sucht kommt, wie immer wieder gern geschrieben wird von „Siechen“, was ein alter Ausdruck für das Kranksein ist. Siechen heißt aber auch vegetieren, die eigenen Existenzmöglichkeiten brach liegen lassen, dahinsiechen, daniederliegen, nicht gedeihen, nicht florieren, sich selbst vieles, ja, fast alles schuldig bleiben(müssen). Ein Siechender lebt nicht mehr eigenständig, er wird gelebt, d.h. er ist jemand, dem sein Leben aus der Hand genommen scheint, der nichts mehr will und nichts mehr kann, der aufgegeben hat.
Im Gegensatz zum Teufelskreis der Sucht, steht das nicht-süchtige Genießen und das Verweilen-können. Der Süchtige braucht immer mehr „Stoff“, Futter für die Gier, die seine Sucht nun geworden ist. Der primär gesunde Genuss - wenn nicht mehr ausreichend und daher unbefriedigend - artet aus in sein Gegenteil, in Habgier. Um diese Gier, dieses Lechzen nach dem Suchtmittel oder nach der durch ein bestimmtes Verhalten induzieren Befriedigung stillen zu können, braucht es immer mehr. Das süchtige Weltverhältnis trägt etwas Unstillbares in sich, verweist auf einem Mangel, eine Not des Daseins, der so beizukommen versucht wird. Allen Süchtigen fehlt also etwas Entscheidendes, was mit Hilfe der Sucht ausgeglichen werden soll (Condrau, G. 1962). Der Mangel bedeutet, daseinsanalytisch, eine Einschränkung des freien Vollzuges des ureigenen Existenzmöglichkeiten des Daseins. Es besteht ein Unvermögen, das eigene Sein entschlossen auszutragen, zu sein, was man im Grunde seines Wesens ist. Hinzu kommt, dass „man sich nicht Zeit lassen kann und keine Zeit hat, das Defizit durch Versagungen, Auseinandersetzungen, durch langsames Reifen auszugleichen. Bei der Sucht ruft ein Bedürfnis imperativ danach, mit Hilfe eines Suchtmittels [...] befriedigt zu werden. Doch kommt es nur zu einer Scheinbefriedigung, weil das Suchtmittel meist nur verdecken hilft, was es zu befriedigen gäbe. “ (Erpen 1987 zitiert in Condrau, C. 2000, S.149)
Auffällig ist, dass suchtkranke Menschen ein eingeschränktes Erleben ihres Körpers und vor allem ihrer Leiblichkeit haben. Toleranzentwicklung, Dosissteigerung und Gesundheitsschädigung weisen in den Bereich der Leiblichkeit, die nicht mehr frei und offen erfahren werden kann sondern sich selbst zunehmend entfremdet wird. Überlastung, Überforderung, Vergiftung, Schmerz werden nicht mehr adäquat gespürt. Über den Leib ausgetragene Einschränkungen des Existenzvollzuges sprechen von einer gewissen Verfestigung und Vertiefung der Verstimmung, die das Dasein erfasst hat.
Dem Menschen, auch dem kranken Menschen, geht es um sein Sein. Dies ist die Weise wie das Dasein für sich Sorge trägt. „Die eigentliche Sorge gilt der Zukunft des Gewesenen, die gegenwärtig entschieden wird“ (Helting 1999, S. 74). Das bedeutet, das Dasein erstreckt sich in drei zeitlichen Ekstasen, in das Gewesene, das es war und das ins Jetzt hineinreicht, in das Zukünftige in das es vorläuft, auf das hin es sich entwirft und im Gegenwärtigen Sein-bei. Menschliches Sein ist insofern ausgezeichnet, weil es jederzeit, jeden Augenblick des Lebens, das Gewesene, das es ist, in eine einzigartige Zukunft verwandeln kann. Die Zukunft des Gewesenen wird gegenwärtig entschieden. Eigentlich zu entscheiden heißt, sein Sein primär aus seiner ureigenen Seinsweise zu verstehen und zu vollbringen. Der Mensch ist frei für das eigenste Seinkönnen und damit auch für die Möglichkeit von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit. Wir sind sogar meist eher uneigentlich, weil das die Seinsweise des Alltags ist, die Seinsweise des „Man“, wo es um Anpassung, Funktionieren, Verdurchschnittlichung und Nivellierung der Unterschiede, um das ständige Vergleichen mit anderen geht. „...Und es listet die Seele/Tag für Tag der Gebrauch uns ab...“sagt uns Hölderlin in seinem Gedicht „Der Abschied“ (2008, S.118). Demgegenüber ist im eigentlichen Sein das Dasein zu sich selbst befreit. Auch ein Mensch, der sich selbst fremd geworden ist, geht dieser Möglichkeit, frei zu werden nie verlustig. Selbst im Wünschen, im Hang (z.B. zu Alkohol oder zum Spielen) und im Drang ist die Sorge um das eigene Seinkönnen präsent und vollzogen, wenn auch insuffizient, d.h. uneigentlich. In dem Bedürfnis, welches der Süchtige durch sein Verhalten zu befriedigen sucht, ist die Sorge um sein Sein präsent, wenn er ihr auch auf unzureichende und selbstzerstörerische Weise nachgeht.[3]
Heidegger spricht folgerichtig von einer existenziellen Schuld, der sich jener Mensch ausgesetzt sieht, der seine Daseinsmöglichkeiten nicht ergreift und ausschöpft, der sich also etwas schuldig bleibt. Der Gewissensruf ist still, er ruft das Dasein in sein Selbstsein. Er ist leicht zu übertönen und zu fliehen, aber er hört nicht auf zu rufen, so lange unser Herz schlägt. So könnte man sagen, der Süchtige läuft vor sich selbst davon, er ist dem innerweltlich Begegnendem, den Ansprüchen und Erfordernissen, dem Ruf des Gewissens nicht gewachsen. Schon vor dem “hergestellten“, das heißt gemachten, durch welches Verhalten auch immer erzeugten Rausch ist das in eine Einengung geratene Dasein im Grunde verstimmt. Es wird sich selbst gegenüber blind und es ist überfordert. Auf Grund seiner persönlichen Entwicklung und den Einschränkungen, die sein freier Existenzvollzug dabei erfahren hat, ist es nicht in der Lage dem, was ihm im Leben begegnet, wodurch es herausfordert wird, gerecht zu werden. Es erträgt die Stimmungen nicht mehr, in die es gerät: Angst, Trauer, Langeweile, Leere... Der suchtgefährdete Mensch, ebenso wie der bereits Süchtige, beide sind mit dem Leben überfordert. Von daher ist auch nachvollziehbar, wie es kommt, dass so viele Menschen, die an einer Suchterkrankung leiden auch andere psychische und physische Erkrankungen haben. Die Sucht ist schließlich eine von vielen Strategien mit dem Leiden am Dasein, einem Dasein, das sich selbst fremd geworden ist, umzugehen, und die Geister, die der Mensch am Anfang seiner Sucht rief, und denen er im Grunde ebenso nicht gewachsen ist, wie seinem gegenwärtigen Leben überhaupt, wird er nun nicht mehr los. Was so als Schwäche gelesen werden könnte, kann aus anderer Perspektive äußerste Zartheit und Empfindungstiefe bedeuten, eine Sensitivität, die schon den herkömmlichen Alltag unerträglich werden lässt und darin vielleicht besonders hellsichtig ist. Das Leben aber mutet sich uns zu. Heidegger spricht von der „äußersten Zumutung an den Menschen schlechthin“, nämlich, „daß dem Menschen das Dasein als solches zugemutet wird, daß ihm aufgegeben ist – da zu sein...“ Und weiter führt er aus: „Aber wissen wir das nicht alle? Ja und nein. Wir wissen es nicht, sofern wir vergessen haben, daß der Mensch, wenn er werden soll, was er ist , je gerade das Dasein sich auf die Schultern zu werfen hat; [... ]daß das Dasein nichts ist, was man gleichsam im Wagen spazieren fährt, sondern etwas, was der Mensch eigens übernehmen muß“ (Heidegger, 2004, S. 246). Um die Ermöglichung genau dessen, das eigene Dasein eigens zu übernehmen, geht es der Daseinsanalyse.
Nach wem aber ruft der Zauberlehrling? Ist der Therapeut der Meister?
Es könnte ja leicht so verstanden werden, dass der Therapeut das wuchtende Drängen des Suchtgeschehens mit einem „Zauberwort“ abstellen könnte. Sicherlich ist es für einen Sucht-Patienten, wenn er sich zu einer Therapie entscheidet, wichtig, nun einen Menschen zu haben, der ihm zuhört, ihm hilft, sich besser zu verstehen und anzunehmen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das bereits eine erste Linderung bedeuten würde, und oft ist es ja auch so. Der Begriff „Zauberwort“ verweist auf die Sprache selbst, d.h. im Beisein des Therapeuten zur Sprache kommen zu lassen, was dieser Mensch im Grunde ist, so dass ihm aufgehen kann, wo er nun steht und was seine eigenstes Seinkönnen ist. Ein wichtiger Bestandteil der Analyse sind die Träume des Klienten, die sorgsam gemeinsam ausgelegt werden und eine unschätzbare Hilfe sind, das Existieren des Menschen, seine Einschränkungen und Möglichkeiten, die Weise seines Weltaufenthaltes sichtbar werden zu lassen. In der Therapie holt der Analysand nach, was er bisher in seiner Entwicklung versäumt hat. Dies geschieht innerhalb der lebendigen Beziehung zum Therapeuten, für die viel Zeit genommen wird, so dass alles in seiner eigenen Weise wachsen kann. Beide, Therapeut und Analysand sind auf dieses Beziehungsgeschehen, auf dieses Mitsein in Beziehung eingelassen. Der Klient zeigt sich - häufig erstmals – einem anderen Menschen ohne Einschränkung in seinem ganzen Wesen und in seiner ganzen Not. Die Grundregel der Analyse besagt demzufolge auch, alles, was einem in den Sinn kommt, ohne Einschränkung durch Scham- oder Schuldgefühle und ohne Rücksicht auf den Analytiker auszusprechen. Es geht um ein Angenommen-Werden des Menschen als Ganzes, es geht um ein Sehen-Lassen, wie er von sich selbst her ist und um ein Gesehen-Werden, das heißt, es geht um Liebe. Heidegger schreibt im „Brief an den Humanismus“ folgendes: „Sich einer »Sache« oder einer »Person« in ihrem Wesen annehmen, das heißt: sie lieben: sie mögen. Dieses Mögen bedeutet, ursprünglicher gedacht: das Wesen schenken (2000, S.8). Die Haltung des Therapeuten, den „psychotherapeutischen Eros“ finden wir bei Medard Boss eindrücklich beschrieben: Er hat sich „...durch eine sonst nie geübte Selbstlosigkeit, Selbstzucht und Ehrfurcht vor dem Eigenwesen des Partners auszuzeichnen, die sich weder durch ein entgegenkommendes noch durch ein gleichgültiges noch durch ein feindseliges Verhalten des Analysanden in ihrer Dauerhaftigkeit und Stabilität beirren läßt [...] Nur wenn der Psychotherapeut solches vermag, läßt die Offenheit eines derartigen mitmenschlichen Raumes unsere Kranken die Bereitschaft gewinnen, ihre Fühlhörner wieder auszustrecken und sich in eigenständiger Verantwortlichkeit in immer freiere und weitere Weltbezüge einzulassen“ (Boss 1962, S.59)
Die Grundlage jeglicher gesunder Entwicklung des Menschen ist, dass er angenommen wird als das, was er im Grunde ist, sein darf, was er ist, sich nicht länger selbst verleugnen oder verstellen muss, um die Liebe der anderen zu erringen. Ein jegliches, das ist, kann sich nur als Geliebtes zu seinem vollen Wesen entfalten (Boss, 1957). Das ist es, was die Menschen tatsächlich rettet, in dem es sie in der liebenden, annehmenden Offenheit der Beziehung zum Therapeuten zu sich selber kommen lässt. Der Patient reift, wenn es gelingt, zu einem Menschen heran, der seine Existenz auszuhalten und auszustehen (ex-sistere) vermag, der dem, was ihm das Leben entgegenbringt, gewachsen ist, auf eigene Weise entsprechen kann und sei es auch zuerst nur so, dass er sagen kann: Ich schaffe es nicht allein, hilf mir!
Es geht in der Psychotherapie wesentlich um Umstimmung. Dies bedeutet auch, dass im besten Fall eines Tages kein Suchtmittel mehr benötigt wird. Es verändert sich während des therapeutischen Prozesses wie einem ist, d.h. die Weise wie das Dasein sein Sein auszutragen vermag. „Umstimmung erfordert Einsicht und Erkenntnis, und auch dies mag ein Erfühlen sein. Mit Erkenntnis meine ich den Aufgang von Wahrheit, welche nicht allein mit Vernunft zu erfassen ist [...] Stimmung ist Erfahrung von Welt und gehört in den Bereich der Sorge. Sorge meint hier Sorge um sich selbst und Anspruch an sich selbst. Umstimmung benötigt ein Sich-Zuwenden, eine Besinnung auf eigenes Angesprochensein, ein in Anspruch genommen werden“ (Condrau, G.F., 2006, S.120). Umstimmung bedeutet, den eigenen Gewissensruf wieder zu vernehmen. Es bedeutet aber auch, überhaupt wahrnehmen zu lernen, wie einem ist, Angst zuzulassen, jegliche andere Stimmung, die belastend erlebt wird, aushalten zu lernen und zu verstehen. In der Sucht geht es ja auch um das Jagen nach Stimmungsveränderung , sei es nun Betäubung oder Euphorisierung, Enthemmung oder Dämpfung. In der Therapie erlebt der Klient in langsamen, kleinen Schritten, wie es ist, das gegenwärtige, echte Befinden zuzulassen und dem zu folgen. Er lernt, vielleicht mithilfe vieler Rückschläge und Irrtümer, dass er nicht mehr ausweichen muss, zum Beispiel vor einer Verfassung unerträglicher Leere, oder vor der Nähe zu einem anderen Menschen.
„Der Süchtige tritt auf der Stelle, weil die Befriedigung, die er sucht, nicht im Suchtgebiet zu finden ist, weshalb immer ein Rest von Unbefriedigtsein wirksam bleibt, der zur Wiederholung des süchtigen Verhaltens zwingt“ (ebd., S.125). Es dauert oft sehr lange, bis der Süchtige von seinem Muster lassen kann. Denn im Verlauf der Sucht schwächt sich das ohnehin nicht voll ausgereifte Dasein immer weiter selbst. Hinzu kommen Scham und Schuldgefühle, wegen der eigenen Hilflosigkeit und dem Wiederholen-Müssen der selbstzerstörerischen Verhaltensweise. So tut sich unter der süchtigen Existenz ein immer größerer Abgrund auf. Ein Abgrund, in den es zu blicken gilt, allerdings auch für das vermeintlich gesunde Dasein, welches sich vielleicht sicher wähnt. Die Abgründigkeit und Rätselhaftigkeit des menschlichen Daseins bleibt bestehen, für jeden von uns.
Zu Hörigen der Herkunft werden: Vom Meistern des Daseins
Wir alle stehen vor einem Abgrund? Was soll das heißen? Steht der Suchtkranke Mensch, am Ende, nach einer langen, schmerzlichen Flucht vor sich selbst wieder vor dem Abgrund, dem er entkommen hatte wollen, gerade mit Hilfe der Sucht? Ist er nun nicht in aller gnadenlosen Heftigkeit nach einem langen Weg voller Scheitern und Schmerz mit sich selbst konfrontiert, mit dem, was ist und wo er nun steht. Ist dies nicht der Moment, wo Therapie und Hilfe überhaupt erst angenommen werden können? Für Sucht und vor allem Abhängigkeit wird heute manchmal noch das alte Wort „Hörigkeit“ verwendet. Darin klingt das Hören an, das Hören auf, das Zu- und Hinhören, das Ge-hören, Angehören, aber auch das Gehörige. Diese zwei Worte nun, Abgrund und Hörigkeit, stehen am Ende dieser, meiner Ausführungen, sie weisen ins Fragen zurück, sie führen heraus aus der Gewissheit mit Gedanken und Argumenten, mit Hinzuziehen vieler anderer, die schon darüber nachdachten, Boden zu gewinnen und über das Thema Sucht und Suchtbehandlung Bescheid zu wissen und sich in dieser Gewissheit Halt zu suchen. Zwei Worte, denen noch ein drittes zugrunde liegt, von dem alles, was ist, von dem alles Wirken ausgeht: Sein. Der Abgrund der menschlichen Existenz, vielleicht durch die Stimmung am ehesten erfahrbar, ist auch ein Grund, d.h. etwas, in dem wir gründen. Dies ist ein Gründen, welches ein Geschehen ist und welches weder herstellbar, noch unter naturwissenschaftlich-technischem Blick erklär- und damit beherrschbar wird. Es ist allerdings ein Gründen, in dem alles Begründen letztlich fußt. Aus diesem Grund heraus ereignet sich unser Dasein. Es ist ein abgründiger Grund, weil wir seiner nicht habhaft werden können. Es bleibt nur, sich diesem Geschehen anzuvertrauen und zu „hören“ was uns der Gewissenruf still zu vernehmen gibt. Diese Stille stillt uns. Wer diesen Ruf der Stille nicht vernimmt, nicht mehr vernehmen kann, der verirrt sich, der leidet Mangel, wird unstillbar in seinem Sehnen nach dem eigenen Sein-Können, der fällt aus seinem Weg, wird unfrei und oft auch krank. Der Ruf reicht von dort her, wo wir unseren Ursprung haben und ruft uns ins Eigene. In dieser Hinsicht, gilt es letztlich eine einzige Hörigkeit zu leben, nämlich die der eigenen Herkunft, des eigenen ursprünglichen Seins. Wir sollen Hörige der Herkunft (Heidegger 2006) werden. Wer hinhört, wer diesen stillen Aufruf versteht und sich entschließt, ihm zu folgen, der ist frei zu sein, was er ist und wird sich vom Wissenden zum Staunenden entwickeln, von dem, der alles im Griff zu haben scheint, zum Fragenden, der sich ansprechen und tragen lassen kann vom ewigen Geheimnis des Seins, ohne es unbedingt ergründen zu wollen, zu einem Menschen, der den Abgrund als Grund erfahren kann. Dies bedeutet sein Dasein zu meistern. Nicht von ungefähr sind die Bezeichnungen für Existenz (lat.: exsisto: heraustreten, erscheinen, sich zeigen) und Ekstase (griech.: ekstasis: aus sich gestellt sein, Begeisterung, Verzückung) einander in der Bedeutung so nahe. Denn ist nicht der größte Rausch das Leben selbst, das freie Sein des Da?
für meinen Papa, Martin Modlmayr, 1940-2010
Fußnoten
[1] Dieser Artikel wurde zuerst publiziert in „Rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie“, 2. Jahrgang, Heft 4, 2013, S. 289-297
[2] Die Bezeichnung Daseinsanalyse wurde erstmals von dem Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger verwendet. Es handelt sich um eine Wortbildung, die Heideggers Daseinsanalytik und Freuds Psychoanalyse verbinden möchte. Die Züricher Schule der Daseinsanalyse, der sich auch das Österreichische Institut für Daseinsanalyse (ÖDAI) zuschreibt, geht jedoch wesentlich auf Medard Boss (u.a.: Grundriss von Medizin und Psychologie. 1971) und Gion Condrau (u.a.: Sigmund Freud und Martin Heidegger. Daseinsanalytische Neurosenlehre und Psychotherapie. 1992) zurück. Wichtige Heidegger-Schriften zum Thema sind „Sein und Zeit“ (1993) und die von Medard Boss transkribierten „Zollikoner Seminare“ (2006), welche Heidegger in Boss’ Haus in Zollikon über ein Jahrzehnt lang regelmäßig gehalten hat, sowie eine große Anzahl weiterer Texte des Philosophen. Die Daseinsanalyse ist eine seit 2004 in Österreich vom Bundesministerium für Gesundheit anerkannte psychotherapeutische Richtung und Schule. Auch in der Schweiz, wo ihr Ursprung liegt, ist die Daseinsanalyse anerkannt (Züricher Schule). Dort gibt es auch noch eine weiter daseinsanalytische Schule um Alice Holzhey-Kunz, die sich auf Heideggers „Sein und Zeit“ konzentriert und dessen späteres philosophisches Werk nicht in dem Ausmaß einbezieht, wie die Züricher Schule das tut. Die Denk- und Blickrichtung dieser weiteren daseinsanalytischen Schule lässt sich in Alice Holzhey-Kunz’ Werk „Leiden am Dasein. Die Daseinsanalyse und die Aufgabe einer Hermeneutik psychopathologischer Phänomene (1994) studieren.
[3] In der Daseinsanalyse gehen wir demzufolge nicht von einer kausalen sondern von einer motivischen (also auf die Freiheit der Existenz bezogenen) Ätiologie und Genese von Störungen aus.
Literaturliste
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Charlotte Aigner 2013 (vormals Charlotte Spitzer)
publiziert in "rausch - Wiener Zeitschrift für Suchtherapie" 2014 und im Jahrbuch "Daseinsanalyse" 2016