Ars Medica – Zu einer neuen Ästhetik in der Medizin

 

(Hrsg.: Michael Musalek und Martin Poltrum)

Das Leben des Menschen als ein Kunstwerk zu betrachten und die therapeutische Behandlung als künstlerischen Prozess, diesen Aufbruch unternahm im September 2005 eine kleine Gruppe von Medizinern, Philosophen, Historikern und Therapeuten in Mailand. Begonnen hat es unter dem Motto „Bella Vista“, mittlerweile wurde da- raus die „European Society of Aesthetics and Medicine“ mit Sitz im Anton Proksch Institut Wien.

Der nun vorliegende Band „Ars Medica. Zu einer neuen Ästhetik in der Medizin“ (erschienen im Frühjahr 2011) versteht sich als „erstes schriftliches Resumé, in dem die Kerngruppe von „Bella Vista“ zusammen neuen Mitgliedern und Sympathisanten die ersten Kostproben der ästhetisch-medizinischen Fusion darreicht“.

Das Streben gilt einem vertiefenden Verständnis von Ästhetik, weg von der Alltagsauffassung, sie sei nur ein Oberflächenphänomen, oder – schlimmer – sie sei irrelevant weil „subjektiv“. Das griechische Wort Aisthesis bedeutet Wahrnehmung, Emp- findung, Sinnesempfindung, worin das Vernehmen-Können des menschlichen Daseins anklingt. Das Schöne zudem, welches im Verständnis des Begriffes der Äs- thetik großen Raum einnimmt, weist in den Bereich der Existenz, der sich als Welt- offenheit, als Anwesenlassen von Wahrheit zeigt. „Das Schöne ist nämlich die Spur des Guten und macht durch sein funkelndes Leuchten auch das Wahre zugänglich“ ist in der von Michael Musalek und Martin Poltrum verfassten Einleitung des Buches zu lesen. In dieser Weite verstanden leuchtet ein, dass sich die Beschäftigung mit Ästhetik nicht nur in einem enger verstandenen Bereich der bildenden Kunst be- wegt, sondern das Hervorscheinen von Wahrheit im Schönen die ganze menschliche Existenz betrifft. Der Gedanke das Potenzial des Schönen als Therapeutikum und Prophylaktikum wirksam werden zu lassen liegt nahe und drückt sich in dem Ziel der „European Society of Aesthetics and Medicine“ aus „ ...das Verbindende von Heil- und Lebenskunst, die Schnittstelle von Medizin und Ästhetik, die Wirkungen des Schönen auf die weiten Felder der Seele und das Erfüllende und Beglückende der äs- thetischen Erfahrung für die Medizin neu zu entdecken“.

Das Orpheusprogramm des Anton Proksch Instituts in Wien ist ein Beispiel für die Umsetzung des Zieles ästhetische und philosophische Erkenntnisse zum Bestandteil

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von Therapie und Rehabilitationskonzepten und deren Umsetzung werden zu lassen. Dort finden sich ein Kinotherapieprogramm und eine Vorlesung zur Lebenskunst, die sich vornehmlich an Patienten wendet.

Durch Therapie soll nicht nur ein schönes sondern auchein gesundes Leben möglich werden. Das „Wie“ des sozialen Daseins rückt in den Vordergrund und wird in seinen ästhetischen Dimensionen in den Blick genommen. So werden wir auf Möglichkeiten des Vernehmens aber auch des Gestaltens aufmerksam, sie sich therapeutisch heil- sam auswirken können. Musalek und Poltrum sprechen von einer Sozialästhetik, wel- che die ästhetischen Implikationen des sozialen Kontexts, der gelebten und erlebten sozialen Situation untersucht und das medizinisch-therapeutische Feld dieser ästhe- tischen Dimension öffnen möchte. So wird die Sozialästhetik zu einem medizi- nischen Vorhaben, welches sein Bemühen der Schaffung von ästhetischen Situatio- nen im Sozialen widmet.

Das naturwissenschaftlich verkürzte Menschenbild, welches der gegenwärtigen Medi- zin zugrunde liegt, reicht nicht aus um den Wesensreichtum menschlicher Existenz gerecht zu werden. Den Menschen und sein ästhetisches In–der-Welt-sein ursprüng- licher, wahrhaftiger zu verstehen ist das Erkenntnisinteresse, welches eine Ästhetik des Sozialen letztlich vertritt mit Blick allerdings auf den Verwendungszusammen- hang, nämlich die Heilungsmöglichkeiten die sich daraus im medizinisch-therapeu- tischen Kontext ergeben. Der vorliegende Band versucht dies in vielerlei Hinsicht mit einer Reihe von Beiträgen zu zeigen. Programmatisch wird es schließlich in der Aussage: „dass die Medizin eine die Geisteswissenschaften mitberücksichtigende Medizin „Medical Humanities“, braucht, ist die Forderung der Stunde. Dass der den Alltag kolonialisierende und jede politische Entscheidung mittlerweile beeinflus- sende Positivismus zerschlagen gehört ...“

Die Autoren geben ein klares Bekenntnis zu einem ganzheitlichen Menschenverständ- nis ab, und dem daseinsanalytisch interessierten Leser werden einige Bekannte be- gegnen, wie z. B. Rainer Thurner (Titel des Beitrags: Warum Lachen gesund ist – eine phänomenologische Annäherung) oder Helmut Albrecht (Verkörperung im Schönen – Leben und Werk Frida Kahlos als Herausforderung für die Schmerztherapie).

Das Grundanliegen der „European Society of Aesthetics and Medicine“ ist der Da- seinsanalyse nicht neu, schließlich stellt sie sich seit Anbeginn in den Dienst eines ursprünglichen, wesenhaften Menschenverständnisses. Die Zollikoner Seminare ge- ben ein beeindruckendes Zeugnis dieser Auseinandersetzung der sogenannten Schul- medizin mit der Philosophie Martin Heideggers und zeigen wie lange und intensiv sich die Daseinsanalyse schon um eine Überwindung des naturwissenschaftlichen Menschenverständnisses bemüht, welches das Wesen des Menschen so verkürzt und einen wesensgemäßen Zugang zur menschlichen Existenz verstellt.

Soweit geht das Buch von Michael Musalek und Martin Poltrum (Hg.) freilich nicht. Es kann als ein Beitrag gesehen werden die Verbindung zwischen Philosophie und medizinischer Wissenschaft zu beleben und über die Beschäftigung mit ästhetischen

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Perspektiven ein erweitertes Menschenverständnis in der Medizin zu erreichen. Es ist dennoch ein lesenswertes Buch, weil es dem medizinisch und therapeutisch interes- sierten Leser in einer Vielfalt von Beiträgen nahe bringt, welche Bereicherung die Öffnung für das Ästhetische, für das Schöne und Wahre in diesem Zusammenhang bedeuten kann. Sei es die Musik oder die Bildende Kunst, der Mythos oder das Lachen – um nur einen kleinen Ausschnitt aus den vielfältigen Themen zu nennen – alles verweist auf den Reichtum und die Vielfalt menschlicher Vernehmens- und Exis- tenzmöglichkeiten.

Allerdings bleibt der Begriff der Ästhetik noch recht offen und es entsteht der Wunsch nach Klärung. So kann das Buch auch als ein Aufbruch verstanden werden, als ein Sich-auf-den-Weg machen zur Beantwortung der Frage: Was ist unter Ästhetik eigentlich zu verstehen? An dieser Stelle sei auf die „Philosophische Ästhetik“ von Günther Pöltner (Grundkurs Philosophie Band 16, 2007) hingewiesen, welche ein neues Selbstverständnis der Ästhetik nicht nur als philosophische Disziplin der son- dern als Wissenschaft von der ästhetischen Erfahrung als Wahrnehmungslehre ver- tritt.

Die Daseinsanalyse kann viel beitragen zu dem Anliegen, welches das Buch „Ars Me- dica. Zu einer neuen Ästhetik in der Medizin“ vertritt. Ein guter Grund in den Dialog zu treten und sich einzumischen in diesen Diskurs um das Wesen des Menschen und der Behandlungsmöglichkeiten der Einschränkungen seiner Existenz im Kranksein.

Literatur:

Michael Musalek, Martin Poltrum (Hg.). Ars Medica. Zu einer neuen Ästhetik in der Medizin. Parodos Verlag, Berlin 2011

Günther Pöltner. Grundkurs Philosophie, Band 16: Philosophische Ästhetik. Kohlhammer Ver- lag 2007

Martin Heidegger (Hg. von Medard Boss). Zollikoner Seminare: Protokolle- Zwiegespräche – Briefe. Frankfurt am Main, Klostermann, 2. Auflage 1994

 
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