Anklang und Widerhall
Gedanken über den psychotherapeutisch-phänomenologischen Zugang zur Schizophrenie in der Daseinsanalyse
“Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden.”
Nachdem ich den Titel meines Vortrages festgelegt hatte, der eigentlich mehr eine Frage meinerseits bedeutete, stellte ich schnell fest, dass es in der daseinsanalytischen Literatur nicht allzu viel zum Thema der schizophrenen Erkrankung, des schizophrenen Krankseins gibt. So wäre es leicht denkbar, dass Sie sich nun von mir eine neue Zugangsweise oder umfassende Ergänzung dieser wenigen Quellen erwarten. Allein, dies ist nicht meine Absicht. Vielmehr hat mich eine Reihe ganz persönlicher Fragen dazu bewogen, dieses Thema zu wählen.
Wie begegne ich als Mensch einem schizophren kranken Menschen. Wie ist dieses Schizophren-sein zu verstehen, wie kann ich einen solchen Menschen erreichen. Ist das überhaupt möglich? Wie zeigt sich, wie gestaltet sich das Mitsein zwischen Therapeut und Klient, wenn es wie bei der schizophrenen Erkrankung um die Begegnung mit einem Dasein geht, welches, wie Medard Boss im Grundriss der Medizin und Psychologie schreibt "im Wesentlichen des Menschseins getroffen ist" (Boss, 1999, 142).
Nach Boss bedeutet diese Art des Krankseins eine schwere Beeinträchtigung des alles tragenden Wesenszuges des Menschseins, nämlich des Welt erschließenden freien Offenständigseins. Dies ist durchaus bei anderen Weisen des Krankseins auch der Fall, aber nirgends zeigt es sich uns wohl so rein wie im schizophrenen In-der-Welt- sein. Gerade diese Erkrankung, die Begegnung mit an Schizophrenie erkrankten Menschen erlaubt uns, wenn wir Geist und Herz offen halten, tiefe Einblicke in das Eigenste unseres Existierens, aber auch in dessen Fragilität.
Diese Offenheit des Geistes und des Herzens ist meiner Meinung nach äuûerst bedeutsam in der therapeutischen Begegnung, in der Beziehung zum Klienten, und ist daher in einer profunderen Weise vom Therapeuten auszutragen, auszuhalten, auszustehen als in anderen therapeutischen Beziehungen. Es geht in der Therapie, wie überhaupt im Umgang mit schizophren kranken Menschen abseits von jeder therapeutischen Technik um liebevolles Sein-lassen, Behutsamkeit, um ein Sich-einlassen in das besondere dieser Beziehung. Der Therapeut wird als Mensch zum Hüter der Lichtung, in der das Dasein des Anderen sich zeigt. Denn dem Dasein eignet von Grund auf ein lichtendes Scheinen, es geschieht in der Entbergung des verborgenen Herkunftsbereiches in einem Da (Heidegger 1952, Boss 1957).
Therapie verstehe ich in der Bedeutung, einen Menschen in seiner speziellen Würde zu sehen und die Aufgabe zu empfangen, ihm zu dienen. Spreche ich vom Therapeuten als einem Hüter der Lichtung, so meine ich also keinesfalls einen Wächter. Was ich behüte, halte ich in meiner Hut, liebevoll und in fürsorglicher Offenheit. In einem freigebenden und dennoch zuverlässig Halt spendenden Bezug.
Die Psychose ist ein Phänomen, in welchem das erkrankte Dasein uns erscheint, als würde es zerfallen, als würde es ausgeliefert sein an alles sich ihm Zeigende, nicht mehr in der Lage, sich zu versammeln, Begegnendem zu entsprechen und sein Sein in sicher versammelnder, konsistenter Weise zu vollziehen.
Eine bemerkenswerte Stelle über das gesunde Dasein lässt sich bei Medard Boss in der Einführung in die psychosomatische Medizin finden. Er schreibt in der Ausgabe von 1954 Folgendes:
"Dieses Da ist vielmehr die im wesensmäßigen Mit-sein aller Menschen sich eröffnende Lichtung im Dunkel eines unergründlichen Geheimnisses, in deren Helligkeit hinein sich alle Dinge in ihrem je eigenen Wesen zum Vorschein bringen können. Als solches Dasein ist der Mensch ein Welt erschließendes, je auf diese oder jene Weise gestimmtes und gleich ursprünglich sich in seine Bezüge zu allem ihm Begegnendem hinein entfaltendes und darin sich vollziehendes Selbst. Er ist so wie er ist, weil ihm die Sorge um die Offenbarung all dessen anvertraut ist, das in seinem geistigen Licht zu erscheinen hat.
Sorge will der Obertitel für jedwede Weise menschlichen Weltverhältnisses sein und umfasst sämtliche menschenmöglichen Beziehungen zu allem, was ist, zu allem Dinglichen, allem Mit- menschlichen und allem Göttlichen. Ja, gerade die Liebe entspricht der Sorge in fundamentalontologischem Sinne so vollkommen, dass alle anderen Bezugsmöglichkeiten des Menschen als deren mehr oder weniger verdeckte Abwandlungen zu verstehen sind; kann sich doch ein jegliches, das ist, nur als Geliebtes in seinem vollen Wesen entfalten" (Boss, 1954, 67)
Der schizophren kranke Mensch ist ebenso wie sein Therapeut eine solche im wesensmäßigen Mit-sein aller Menschen sich eröffnende Lichtung im Dunkel eines unergründlichen Geheimnisses.
Jeder Mensch, mögen wir noch so enge Beziehungen mit ihm pflegen, bleibt im Grunde ein unergründliches Geheimnis für uns. Therapie bedeutet, voller Ehrfurcht die Unergründlichkeit dieses Geheimnisses anzunehmen und in liebender Fürsorge dem anderen einen Raum zu eröffnen, in den hinein er sein Wesen entbergen und entfalten kann.
Boss beobachtet am schizophrenen Dasein eine spezifische Beeinträchtigung des Ausstehen-könnens des wesensmäßig dem Menschen zugehörigen Offenständig-seins.
Dies führt zu einem zweifachen Ungenügen des erkrankten Menschen: Er kann sich nicht länger mit seinem ganzen Wesen auf das Vernehmen der Gegebenheiten einlassen, die in den Offenständigkeitsbereich des Existierens hinein zum Vorschein kommen, und diesen auch nicht in angemessener Weise entsprechen. Und zweitens kann er sich nicht als freies Selbstsein bewahren, das in der Lage ist, das Vernommene und zu Beantwortende in einem offenen Gegenüber zu halten, wohl geordnet an den Plätzen einer gemeinsamen Welt, die den wahrgenommenen Dingen und Mitmenschen zur gegebenen Zeit in den Augen der Gesunden zukommen (Boss 1999, 507) Die Erkrankung bricht aus, wenn sich das Dasein dermaßen zu weiten beginnt, dass die existenzielle Freiheit des Menschen zusammenbricht. Dieses Weiten meint eine Entgrenzung in dem Sinne, dass das Dasein als Lichtung dem Anspruch der Fülle an Bedeutsamkeiten und Verweisungszusammenhängen, die es angehen, weder zu entsprechen noch standzuhalten vermag. Es fehlt den schizophren Kranken in höchstem Maße eine Möglichkeit des Gesunden: Es mangelt ihnen, wie Medard Boss schreibt:
"In höchstem Maße jenes Versammeln-können der ihr Dasein konstituierenden Verhaltensmöglichkeiten zu einem eigenständigen, freien Selbst-sein, dessen Offenständigkeit allem Begegnenden standzuhalten vermag. Die schizophrenen Menschen verfallen in unterschiedlichem Ausmaß an die Verhaltensweisen der anderen und an die Modi des Vorhandenseins lebloser Din- ge. Ihr Dasein wird gleichermaßen in das übermächtige andere aufgesogen. Solcherweise existieren sie größtenteils auûer sich. Darum erfahren sie das, was sich ihnen zeigt, oft als durch äußere Stimmen zugesprochen, und das, was sie tun und denken, als von anderen gemacht (Boss, 1999, 507). Das Versammeln-können der das Dasein konstituierenden Verhaltensmöglichkeiten zu einem eigenständigen freien Selbst ist der Mangel, den es in der Therapie zu stillen gilt. Ich verwende hier das Wort Stillen ganz bewusst. Denn dem Mangel steht als Gegenteil die Fülle gegenüber. Und im Wort Stillen steckt die Bedeutung Stille. So wie die Stille, in der sich nach Heidegger das Sprechen der Sprache ereignet. Hier begegnen wir der Stille, die im Ge-läut der Stille auf eine Versammlung der Stille verweist. Das Geläut versammelt rufend Seiendes in die Weltoffenheit. Seiendes empfängt durch diesen Ruf überhaupt erst sein Sein. In der Stille geschieht die Versammlung.
Bei Holger Helting lesen wir über Heideggers Ereignisdenken und die Rolle der Sprache, dass das Seiende in sein Eigenwesen gestillt wird, indem es einerseits ins Anwesen gerufen und als Eigenständiges im Lichtungsbereich versammelt wird und andererseits einbehalten bleibt in dem Verborgenen, weil gewährenden Geschehen, aus dem es entspringt (Helting, 1999, 173). Zum Geläut der Stille schreibt Helting Folgendes: "Das Geläut der Stille weist zunächst darauf hin, dass dieses versammelnde Rufen lautlos geschieht. Die Stille verlautbart nicht Worte wie der Mensch, sondern versammelt Seiendes lautlos in einem Lichtungsbereich des Anwesens. Der sprachliche Grundzug im Ereignis besteht also darin, dass das Wesen der Sprache, das Geläut der Stille im Grunde alles Anwesens spricht (ebd. 174).
Der Therapeut eines schizophren kranken Menschen hütet fürsorglich das Ereignis, in dem Mensch und Sein zusammenkommen. Da die Existenzialien wesensmäßig dem Dasein zugehören und das Dasein, mag es noch so krank scheinen, ihrer nicht verlustig gehen kann, ist es lediglich deren Vollzug, der gestört ist.
Wenn wir also sagen, der schizophren erkrankte Mensch ist in seinem Wesen erkrankt, bedeutet dies nichts mehr, als dass die Störung seines Weltbezuges, des Vollzuges seiner einzigartigen Daseinsmöglichkeiten, sehr tief liegt. Wäre es denkbar, dass die Störung dort liegt, wo das Seiende seinen Ruf ins Dasein empfängt, wo das Seiende in seinem Eigenwesen gestillt wird?
Ich möchte in Richtung auf die Beantwortung dieser Frage einen Vergleich anstellen, zu dem mich die Frage geführt hat, wann denn eigentlich lebensgeschichtlich dieses Ich in seiner Unterscheidbarkeit vom Du ausdifferenziert wird. Hierzu kam mir der Gedanke an die frühe Kindheit, respektive an jene Phase, welche die Psychoanalyse die orale Entwicklungsphase im Leben eines Menschen nennt.
Bei Erik Erikson lesen wir über die Entwicklungsanforderungen der menschlichen Identität in den verschiedenen Lebensphasen. Wie könnte man nun phänomenologisch diese Bewegung der Entstehung eines Ich, das sich behutsam von einem Du (meist der Mutter als primärer Bezugsperson) unterscheiden lernt und langsam in seine Eigenständigkeit gelassen wird, beschreiben, ohne einen Determinismus zu behaupten oder Konstrukte zu Hilfe zu nehmen?
Erikson meint, die Entwicklungsaufgabe in der oralen Phase des Lebens eines Menschen, welche die allererste postnatale Lebensphase darstellt, ist die Entwicklung des Urvertrauens. In dieser Lebensphase gilt es den Konflikt zwischen Vertrauen bzw. Urmisstrauen zu bewältigen. Über die wechselseitige Regulierung der eigenen wachsenden Fähigkeit zur Nahrungsaufnahme im Wechselspiel mit der mütterlichen Nährtechnik und deren An- und Abwesenheit entwickelt sich das wachsende Vertrauen in sich selbst und die anderen. Erikson bezeichnet es als erste soziale Leistung des Kindes, wenn es, ohne übermäûige Wut oder Angst zu äußern, die Mutter aus seinem Gesichtsfeld entlassen kann, weil die Mutter inzwischen außer einer zuverlässig zu erwartenden äußeren Erscheinung auch zu einer inneren Gewissheit geworden ist. Das Erleben des Konstanten, Kontinuierlichen, Gleichartigen der Erscheinungen liefert dem Kinde ein rudimentäres Gefühl von Ich-Identität; es scheint dies davon abhängig zu sein, dass das Kind eine innere Welt erinnerter und voraussehbarer Empfindungen und Bilder in fester Korrelation mit der äußeren Welt vertrauter zuverlässig wiedererscheinender Dinge und Personen weiß (Erikson 1999, 241).
In der ersten Lebensphase hängt diese Entwicklung also untrennbar mit der Qualität der Beziehung zur primären Bezugsperson zusammen. Ich glaube, dass die Mutter in dem Kinde dieses Vertrauensgefühl durch eine Pflege erweckt, die ihrer Qualität nach mit der einfühlenden Befriedigung der individuellen Bedürfnisse des Kindes zugleich auch ein starkes Gefühl von persönlicher Zuverlässigkeit innerhalb des wohl er- probten Rahmens des Lebensstils in der betreffenden Kultur vermittelt. Hier formt sich die Grundlage des Identitätsgefühls, das später zu dem komplexen Gefühl wird, dass man in Ordnung ist, dass man ein Selbst besitzt, und dass man das Vertrauen der Umwelt rechtfertigt (Erikson 1999, 243).
Erikson weist in diesem Zusammenhang übrigens auch dezidiert darauf hin, dass das Fehlen des Urvertrauens am besten bei schizophren kranken Kindern zu beobachten sei, aber auch bei erwachsenen schizophren kranken Menschen einiges dafür spricht, dass unabhängig davon, was den Zusammenbruch bedingt haben mag, im bizarren und ablehnenden Verhalten der Erkrankten sich das Streben verbergen könnte, das Erleben des sozialen Miteinanders durch Abtasten der Grenzlinien zwischen den Sinnen und der Realität, zwischen den Worten und ihrer sozialen Bedeutung wieder zu gewinnen.
Wollen wir, dass ein Mensch sich von Grund auf erholen kann, ist es unerlässlich, die Qualität der Lebensphase, in der die krankmachende Einschränkung in Reaktion auf innerweltlich Begegnendes entwickelt wurde, wieder anwesen zu lassen.
Die Psychoanalytikerin Marie Sechehaye weist auf die Ähnlichkeit zwischen dem Aspekt schizophrenen Denkens und dem Kleinkind hin. Ich betone Ähnlichkeit, nicht Gleichheit!
"Dank der schizophrenen Auflösung, welche die psychischen Prozesse in hohem Maße vereinfacht, konnten wir die Mechanismen der Ich-Bildung untersuchen, und wir waren nicht erstaunt festzustellen, dass es dieselben sind, wie jene, die beim Kind funktionieren" (Sechehaye, 1998, 146).
Medard Boss schreibt hierzu ganz deutlich Folgendes: "Selbst bei schwerkranken Anstaltspatienten mit heftigsten Körperhalluzinationen und Wahnideen kann von einem Tag zum anderen alles Schizophrene an ihnen verschwinden, wenn es einem Psychotherapeuten gelingt, den Patienten dazu zu bringen, sich ihm als das hilflose kleinkindliche Wesen, das er im Grunde blieb, voll anzuvertrauen und sich zu ihm in jene Art Kleinkind-Eltern-Beziehung einzulassen, der der Kranke gerade noch als ein in sich versammeltes, eigenes Selbst-sein zu entsprechen vermag" (Boss, 1999, 507).
Ich möchte diese letzten beiden Zitate nicht als nachahmenswerte Beispiele empfehlen, sondern bitte Sie, das, was in diesem therapeutischen Zugang anklingt, auf sich wirken und in sich widerhallen zu lassen, dass es zu einer Vertiefung dieses Bi des kommt.
Nun sind wir an der Wegmarke angelangt, die mein Vortrag finden wollte. Der Hinweis auf die frühkindliche Vollzugs- und Beziehungsmöglichkeit des Daseins als Zugang zur therapeutischen Beziehung mit schizophren kranken Menschen lässt uns noch nicht verstehen, was es mit diesem im Mitsein geborgenen Bezug von Ich und Du und deren Abgrenzung voneinander auf sich hat.
Nun erst wage ich mich in Neuland vor. Die Landkarte, welche mich auf meiner Reise anleitet, zeichnet ein Bild von Anklang und Widerhall. Anklang und Widerhall, so wie ich diesen Vortrag eigentlich genannt habe, können verstanden werden als Angesprochen-werden und Entsprechen, aber das Bild kann viel tiefer klingen, nämlich so tief, wie wir es zulassen. Ein alter Aufsatz des leider fast vergessenen Psychiaters und Phänomenologen Eugen Minkowski aus dem Werk "Vers un cosmologie", den ich nur noch in holländischer Sprache in die Hand bekommen konnte und den ich zusammen mit Lars van Roosendahl übersetzt habe, hilft uns nun zu vernehmen, wie das gelassene Wechselspiel von Anklang und Widerhall eine Form entstehen lässt, die das Gemeinsame erklingen lässt, indem sie die Tiefe des Eigenen berührt und zum Antworten bringt. Hinter der sinnlichen Wahrnehmung eines Klanges gilt es, das ganze Phänomen des Widerhalls zu sehen, so dass es zu einem lebendigen Ganzen gefügt werden kann:
"Die Welt soll beseelt werden durch die Fülle durchdringender und tiefer Wellen, die auch wahrgenommen werden und harmonisch sind. Sie sind in der Lage, den ganzen Klangreichtum des Lebens zu bestimmen. Und dieses Leben selbst wird im Kontakt mit diesen Wellen in der Tiefe seines Wesens widerhallen. Sie sind gleichzeitig klangvoll und geräuscharm. Das Leben wird davon durchdrungen werden, damit zusammenstimmen und es wird leben und durch das Leben sich zu einem Ganzen vermischen. Das ist das Wesen des Phänomens des Widerhalls (Minkowski, 1967, 66; Übersetzung v.Roosendahl und Aigner)
Der Anklang spricht uns an, im Widerhall nehmen wir diesen Anklang auf und antworten. Die Anklänge zerstreuen sich über die Oberflächen dieser Welt, der Widerhall ermöglicht die Vertiefung unseres Daseins. Der Widerhall ist nur möglich, wo der Anklang etwas berührt, auf etwas trifft. Aber der Widerhall kann in diesem Verständnis nur dort geschehen, wo der Anklang auf erschlossene Offenständigkeit trifft. Widerhall ist daher mehr als Reflexion oder Echo. Widerhall ist ein Sich-in-der-Tiefe-ansprechen-lassen und entsprechen. Im Widerhall werden wir zum Erklingen gebracht und uns dadurch unseres Selbst bewusst.
Minkowski versucht das am Beispiel des Klanges eines Waldhornes zu verdeutlichen. Ein Waldhorn ertönt und der ganze Wald hallt wider, alles erzittert, vibriert, gerät in Schwingung. Der Wald wird zur Welt aus Schall und Vibration. Dieses Stückchen Welt erkennt sich nach Minkowski selbst durch seine Bewegung, im Widerhall formt sich eine eigene Welt. Das Dasein ist die offene Stelle in der Natur, dort, wo diese sich ihrer selbst bewusst werden kann. Damit diese Welt aus Schall und Vibration aus dem Verborgenen treten kann, braucht es ein daseinsmäßig erschlossenes Seiendes, in dessen Lichtung all dies zur Erscheinung kommt.
Das Phänomen hat, wo es auftritt, unmittelbar den Charakter der Fülle, die ihm innewohnend ist, in sich selbst vollkommen und nicht in der Lage, nur Intensitätsveränderung zu sein. Die Fülle, die der so erschallenden Welt innewohnt, ist nicht an die sinnliche Wahrnehmung in der Weise eines lautenden Klanges gebunden. Erlebt werden kann dies auch ohne Klang. Minkowski verweist im Bezug auf die Fülle oder
die Erfüllung auf das Phänomen des durchlebten Synchronismus, auf dem Sympathie und Kontemplation beruhen. Sympathie und Kontemplation sind einzigartig in ihrer Art, bestimmen selbst ihr Maß und finden sowohl ihr Ziel als auch ihren Existenzgrund in sich selbst. Daher die Empfindung der Erfülltheit, der Fülle reiner Qualität. Der Widerhall ist eine Stützsäule, worauf alle Erscheinungen, die zum gelebten Synchronismus gehören, beruhen. D. h., der Widerhall ist das ursprünglichere Phänomen. Dieser Impuls hüllt in sich mit seinen tiefen Wellen ebenso die Umgebung wie auch mein eigenes Ich, die sich beide damit eins fühlen und die sich selbst so zu einem Ganzen vermischen, die gleichsam eine geschlossene Welt formen, die in sich selbst den Grund zu existieren findet (Minkowski, 1967, 68). Als Daseinsanalytiker klingt für uns hier der alles tragende Grund an, der abgründige Grund unseres Existierens, aus dem heraus sich unsere Existenz ereignet. Nur dort, wo dieser tragende Grund dem Patienten aufgehen kann, vermag er das Geläut der Stille in der Tiefe seines Wesens wieder zu vernehmen und zu gesunden.
Auch Minkowski spricht vom Phänomen des Widerhalls im Stillen, in der Hut des Herzens. Bei Sympathie und Kontemplation ist es ja so, dass sie in der Stille widerhallen. Das Geräusch ist nur eine sekundäre Auflösung des Widerhalls, nur eine besondere Form, die eine fundamentale Qualität des Lebens formt. Phänomene, die auf die Sympathie bezogen sind, werden häufig mit dem Wort Harmoniea beschrieben, nämlich dem Vermögen, mit der Umgebung zusammenzustimmen oder darauf abgestimmt zu sein in Gelassenheit. Minkowski bezeichnet den Widerhall als eine fundamentale Eigenschaft des Lebens. Der Widerhall ist viel ursprünglicher als der von der Psychologie gedachte Unterschied zwischen Ich und Welt. Er ist beiden eigen und dort, wo ein solcher Gegensatz gemacht wird, vereint er dieses immer in der gleichen Bewegung. Eine Melodie, eine Symphonie, ja sogar ein einziger Klang, vor allem, wenn er tief und dunkel ist, werden in uns fortgesetzt, dringen bis in die Tiefe unseres Wesens, widerhallen wirklich in uns, wie auch die Aufwallung von Sympathie dies tut. In Wirklichkeit gibt es nur eine einzige Melodie, die die ganze Umgebung, die sie übrigens selbst begrenzt und formt, in Kontakt bringt. Diese Umgebung wird in dem Kontakt aktiv zum Widerhallen gebracht, gefüllt mit Klängen, die gleichzeitig in uns vordringen, uns beide tragen und uns zu einem melodiösen, widerhallenden Ganzen zusammenschmelzen (Minkowski 1967, 70).
In seiner Poetik des Raumes verarbeitet Gaston Bachelard diese Gedanken Minkowskis in Hinblick auf die Wirkung des dichterischen Bildes. Der Widerhall bewirkt eine Wendung im Sein, denn aus der Vielzahl der Anklänge heraus tritt eine Seins- einheit des Widerhalls. Über das dichterische Bild sagt Bachelard, dass es uns an den Ursprung des redenden Seins setzt. Durch den Widerhall gehen wir über Psycho- logie und Psychoanalyse hinaus, weil er uns viel ursprünglicher betrifft (Bachelard, 2003).
In der (therapeutischen) Beziehung zu schizophren erkrankten Menschen stellen sich die Fragen des Menschseins in klarer, unverstellter und besonders intensiver Weise jedes Mal aufs Neue. Das behutsame, respektvolle Annähern, das Raumgeben auch dem Symptom als Teil eines Wahrheitsgeschehens und vor allem die ehrliche Sympathie dem Patienten gegenüber sind Grundvoraussetzungen des Gelingens. Um mit diesen Menschen sein zu können, um ihnen zu dienen, muss der Therapeut, die Therapeutin bereit sein, sich tief einzulassen und sich auf einen weiten Weg, dessen Ende noch im Verborgenen liegt, einzustellen.
Gerade bei frühen Störungen, zu denen der schizophrene Formenkreis mit all seinen Diagnosen gehört, ist die Annäherung an die verborgene Wunde des Klienten nicht in erster Linie über Sprache möglich. Was Gaston Bachelard als die poetische Gewalt des dichterischen Wortes bezeichnet, weist aber auf eine Möglichkeit der Verständigung, die jeder Versprachlichung zugrunde liegt: "Wir spüren eine dichterische Gewalt, die sich ganz naiv in uns erhebt. Durch den Widerhall können wir erst die Anklänge empfinden, die gefühlsmäßigen Rückwirkungen, die erwachenden Erinnerungen. Das Bild hat die Tiefen berührt. Es wird ein neues Sein in unserer Sprache, es drückt uns aus, indem es uns zu dem macht, was es ausdrückt (Bachelard, 2003,14).
Literatur:
Bachelard, G. (2003, 1957): Poetik des Raumes. Frankfurt/M.: Fischer.
Boss, M. (1957): Psychoanalyse und Daseinsanalytik. Bern: Huber
Boss, M. (1999, 1971): Grundriss der Medizin und Psychologie. Bern: Huber
Boss, M. (1954): Einführung in die psychosomatische Medizin. Bern: Huber
Conrad, K. (2002, 1959): Die beginnende Schizophrenie. Versuch einer Gestaltanalyse des Wahns. Bonn: Edition Das Narrenschiff
Erikson, H. E. (1999, 1950): Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta.
Han, Byung-Chul (1996): Heideggers Herz. Zum Begriff der Stimmung bei Martin Heidegger. München: Fink.
Heidegger, M. (1992, 1984): Was heißt Denken? Stuttgart: Reclam.
Helting, Holger (1999): Einführung in die philosophischen Dimensionen der psychotherapeutischen Daseinsanalyse. Aachen: Shaker.
Minkowski, E. (1967): Weerklinkena. In: Het menselijk aspect van de kosmos. Utrecht: Bijleveld, 65 - 71 (dt. Übersetzung der in diesem Text verwendeten Passagen von Lars van Roosendaal und Charlotte Aigner)
Moldzio, A. (2004): Schizophrenie - eine philosophische Erkrankung? Würzburg: Königshausen & Neumann.
Scharfetter, Ch. (1986): Schizophrene Menschen. München-Weinheim: Urban & Schwarzenberg.
Sechehaye, M. (1998, 1950): Tagebuch einer Schizophrenen. Frankfurt/M.: Edition Suhrkamp.
Charlotte Aigner 2020 (Erstfassung, noch unter Charlotte Spitzer, Vortrag in Prag beim IFDA Forum 2006, veröffentlicht im Jahrbuch Daseinsanalyse)