„Und es listet die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab“

 

Spuren der Eigentlichkeit im alltäglichen Dasein

So habe ich meinen Vortrag - den noch Ungeschriebenen - vor vielen Monaten genannt. Ich habe seither versucht, der Eigentlichkeit im alltäglichen Dasein nachzuspüren. Das Wort „Nachspüren“, kommt mir vor, beschreibt ein Folgen, bedeutet den Spuren, welche ein Phänomen hinterlässt, nachzugehen, und sie dabei im Blick zu behalten. Oder das Aufspüren, das Auffinden oder Finden, nachdem wir eine gewisse Zeit, ein Ziel vor Augen, auf der Suche nach etwas oder aus reiner Neugier den Spuren nachgegangen sind. Die Spur, sie kann der Abdruck einer Tierpfote auf dem Waldboden sein, das Sediment einer urzeitlich versteinerten Muschel im Schiefer. Es gibt eingefahrene und ausgetretene Spuren, Spuren denen schon viele gefolgt sind, tief und viele Jahrhunderte alt, wie die Spurrinnen auf der Via Appia Antiqua in Rom. Manche Spur lässt sich lange verfolgen, eine andere verliert sich bald. Eine Spur ist ein Hinweis, ein Verweis auf etwas anderes. Aber in dem Verbum „Spüren“ steckt auch ein Ankommen-lassen und Verstehen von Etwas. Spüren heißt empfinden, fühlen, ahnen. Ich spüre den warmen Wind auf meinem Gesicht, den Atem meines Geliebten auf meiner Wange. Aber ich spüre auch Angst, Trauer, Staunen. Mein Spüren ist in der Befindlichkeit, in den Stimmungen aufgehoben. Der Spürende ist auf den Zuspruch der Spur angewiesen. Der Spürende vertraut sich der Spur an, er lässt zu, dass sie ihn führt. Natürlich, um sprachlich ausdrücken zu können, was ich hier sagen möchte, war es nötig das Erspürte begrifflich zu fassen, aber es soll nicht vergessen sein, es ist die Befindlichkeit, mit ihren Stimmungen und vor allem Grundstimmungen, die mir das Seiende im Ganzen überhaupt erst eröffnet. 

Nun werde ich mich also auf die Spurensuche begeben. Das Terrain, auf dem ich mich bewege, ist die Alltäglichkeit. Ich habe verschiedene Spuren aufgenommen und weiterverfolgt. Einige ausgedehnter, andere kürzer. Am Ende meines Referates, so hoffe ich, wird mich die Spur wieder zurückführen, zum Ausgangspunkt meiner Spurensuche, dem Spüren als in der Stimmung aufgehobene Seinsmöglichkeit.

Die erste Spur klang mir an in jener Zeile, des Gedichtes „Der Abschied“ von Friedrich Hölderlin[1], welche ich - auch deshalb - an den Anfang meines heutigen Vortrages gestellt habe.

 „Und es listet die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab“

Als Gebrauch verstehe ich als ein vertrautes Verwenden. Aber mehr noch: das Wort Brauch verweist auf etwas Übliches, eine Routine, einen vertrauten Handlungsablauf. Ein Brauch hat zu tun mit und wird vollzogen in der Seinsweise des Man. Ein Brauch ist etwas Alltägliches, so zumindest, dass wir ihn in regelmäßigen Abständen wiederholen, ihn kennen, er uns zutiefst vertraut ist, und das Verstehen auf diesen Brauch uns zumeist als Mitglied jener sozialen Gemeinschaft ausweist, welche diesen Brauch pflegt.

…„Und es listet die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab“

Da ist auch von einem Ablisten die Rede. Der Gebrauch, und zwar der Tag für Tag sich vollziehende, listet uns die Seele ab. Aber wie kann das denn möglich sein, frage ich mich? Kann dem Dasein in seiner alltäglichen Seinsweise tatsächlich die Seele abgelistet werden? Wenn wir in der hektischen und schnellen, vielfach unüberschaubaren Welt, die den Alltag so überwältigend bestimmt, manchmal nahezu versinken, heißt das dann, uns sei die Seele abgelistet worden?

Ein Ablisten stelle ich mir vor als etwas, das in aller Stille geschieht. Zumeist unter der Vorgabe einer anderen Absicht, eines anderen Hintergrundes, bringt jemand etwas in seinen Besitz, was der ursprüngliche Besitzer nicht freiwillig oder zumindest nicht so ohne weiteres hergegeben hätte. In einer älteren Fassung des Gedichtes der Abschied hat Hölderlin von einem Abfordern der Seele gesprochen. Das Fordern ist etwas Deutlicheres, Klareres. Der Fordernde tritt offen auf, er verlangt, was er zu haben begehrt, er versteckt sich nicht und greift auch zu keiner List. Ihm kann man sich leichter stellen und offen widersetzen. Und ihn kann man auch leichter erkennen. Dem Ablisten hingegen, ist das Sich-Verbergende nahe, das Schlaue, das Heimliche. Zum Ablisten bedarf es eine gewisse Kenntnis und Fertigkeit, ein Sich-Verstehen auf  denjenigen, dem es etwas abzulisten gilt.

Das, was uns der alltägliche Gebrauch ablistet, ist die Seele. In der Daseinsanalyse ist der Begriff der Seele nicht häufig rezipiert.Dennoch bedeutet Seele uns allen etwas. Es ist ein Wort mit tief verwurzelter Tradition in unserer Kultur, unserer Sprache, mit mannigfaltigen Konnotationen. Es ist ein Wort, mit dem wir Umgang haben. Was beschreibt es nun? Wie können wir es in der Daseinsanalyse verstehen? Aristoteles schreibt, die menschliche Seele sei in gewisser Weise alles Seiende.[2] Das Besondere des menschlichen Lebendig-seins als Lebewesen, also als beseeltes Seiendes, ist der Bezug auf das All, auf das Seiende im Ganzen. Heidegger denkt das jeweilige menschliche Dasein als jenes Seiende, dessen Wesen darin besteht, dass es selbst offen ist für die Welt, die es sie vernehmend ist, weil es sich im Umkreis des Offenen aufhält und sich so erschlossen ist. Welt meint hier das Seiende im Ganzen.  Nach Aristoteles ist die Seele der Möglichkeit nach offen für das Ganze des Seienden und so Ort der Versammlung aller verstehbaren Seienden und der Verstehbarkeit des Seienden. 

Im Ereignisdenken Heideggers ist das Ereignis als freigebender Bezug gesehen. Jedes Dasein steht in ursprünglichem Bezug zu seinem Quellgrund, zu jenem abgründigen Grund, aus dem das Dasein in sein Sein freigegeben wird. Aus diesem Grund empfängt es auch seine Eigenständigkeit. Jedoch, nicht jedes Dasein ist sich dieses Grundes schon von vorne herein bewusst. Aber jeder Mensch kann auf diesen Wesensgrund aufmerksam werden, auch durch die Hilfe anderer Menschen. Das geworfene Dasein, das an seiner Existenz leidet, kann diese Existenz also auch als ereignete, auf eigentlichere Weise zu übernehmende, erfahren lernen. An diesen abgründigen Grund, aus dem heraus wir mit dem Dasein beschenkt werden, und der aus dem Verborgenen zugelassen wird, denke ich, wenn ich von Seele spreche. Dieser Grund ist nicht wie etwas Vorhandenes verfügbar, aus ihm heraus ereignet sich das Zusammengehören von Mensch und Sein. Aus diesem Wesensgrund stiftet sich zulassend der Möglichkeiten-Reichtum unseres Daseins und auch die Aufforderung, diesen Möglichkeiten auf eigentliche Weise zu entsprechen[3].

Auf eigentliche Weise? Wie spüren wir die Eigentlichkeit auf? Wie lässt sich das Phänomen der Eigentlichkeit fassen?

Es ist schwierig, die auf den ersten Blick anscheinend so klare Eigentlichkeit einzufangen und sichtbar zu machen. Vor allem, wenn es darum geht, Momente der Eigentlichkeit in unserem täglichen Leben aufzuspüren und an alltäglichen Gegebenheiten zu verdeutlichen. Eigentlichkeit ist kein Dauerzustand und auch keine Idealvorstellung, keine Handlungsanweisung, wie ein richtiges Leben im Sinne einer Daseinsnorm zu führen sei. Eigentlichkeit meint, das Dasein versteht sich in erster Linie aus seiner ureigensten Seinsweise. Es interpretiert sich also selbst nicht als etwas Vorhandenes. Dasein vollzieht sich in existenzieller Sorge. Es wird seiner zeitlichen Wesensspannweite inne und es erkennt, seine Auszeichnung, auf unaustauschbare Weise die Zukunft des Gewesenen mitentscheiden zu dürfen. Gelingt einem Dasein dies, vollzieht es sein Sein eigentlich. Allerdings ist es die uneigentliche Seinsweise, in der das Dasein zunächst und zumeist lebt. Wird ein Mensch davon abgebracht oder abgelenkt, sein Dasein aus ureigenster Seinsweise heraus zu verstehen, vergisst er seine wesensmäßig sich zeitigende Spannweite, versteht er seine sich-sorgende Offenständigkeit nicht als solche, bleiben ihm die eigentlichen Vollzugsmöglichkeiten seines Da-seins verdeckt. Er vollzieht sein Sein in dieser Weise uneigentlich[4]. Dennoch - und das ist wesentlich - dennoch sind diesem Dasein alle seine Möglichkeiten weiterhin gegeben, denn sie sind dem Dasein wesensmäßig zugehörig und sind untrennbar mit ihm verbunden. Die ureigensten Möglichkeiten können nicht verloren gehen. Sie können dem Dasein – soviel sei hier schon festgestellt-  auch nicht abgelistet werden. Sie sind sozusagen unveräußerlich.Wir können in jedem Augenblick auf sie aufmerksam werden und uns ihnen öffnen.

Wie kann dies gelingen? Wie können wir auf die zeitliche Wesensspannweite unseres Daseins und die Weise dieses eigentlich zu vollziehen aufmerksam werden?

Es ist unser Gewissen, welches uns zu unserer eigensten Vollzugsmöglichkeit aufruft. Gewissen, verstanden als der Ruf, welcher das Dasein in seine eigentliche Existenz aufruft. Heidegger schreibt in Sein und Zeit, dass das Gewissen einzig und ständig im Modus des Schweigens redet. Der Ruf ist ein Ruf der Stille. Der Rufer ist das Dasein selbst. Es ruft sich im Ruf also selbst auf[5]. Wichtig für das eigentliche Rufverstehen ist, dass das Dasein diesen Ruf hören will, sich dem Zuruf öffnet und ihm entspricht. Aber auch wenn dies nicht geschieht: Der Rufer hält nicht ein zu rufen. Erst wenn der Mensch den Ruf zu hören beginnt, kommt der Ruf eigentlich an. So spricht das Gewissen in jeder jeweils spezifischen Situation und verweist schweigend auf die noch unergriffenen Möglichkeiten des Existenzvollzugs. Entscheidend ist, dass das Dasein diesen Ruf hören will, und ihn als Ruf der Sorge zulässt und versteht. Der Ruf gibt dem Dasein zu verstehen, dass es sich selbst etwas schuldet, nämlich seinen eigentlichen Wesensmöglichkeiten zu entsprechen. Das Dasein als immer schon Verstehendes und Gestimmtes, welches sich selbst im Gewissensruf zu seinen ureigensten Möglichkeiten aufruft. Dieses Dasein ist in der Welt. Und dieses Dasein ist immer schon auch Mitsein, mit anderen.

In der alltäglichen Welt vollzieht es sein Dasein zunächst und zumeist – das wurde schon gesagt - auf uneigentliche Weise und zwar in der Weise des Man. Das Man, wie es Martin Heidegger versteht, beschreibt die moderne Massengesellschaft und damit die Welt in der wir alle leben, sehr eindrucksvoll, indem er meint, das was die anderen wünschen, verfügt in der Seinsweise des Man über die eigenen Seinsmöglichkeiten. Aber die Anderen des Man, sie sind Niemand, sie sind der Durchschnitt, sie sind gerade nicht bestimmte Andere. Jeder kann diese Anderen vertreten. „Man selbst gehört auch zu den anderen und verfestigt ihre Macht“.[6] Mir kommt hierzu der Gedanke, dass es ja in Deutschland weit verbreitet ist, wenn Personen über sich selbst sprechen, anstelle des Personalpronomens „ich“ das „Man“ zu verwenden“ .Es kommt mir, wenn ich das höre, stets vor, als wolle jemand sein eigentliches Selbst vor den anderen verbergen und nur jene Anteile, die wie die anderen sind, preisgeben. Das Ich versteckt sich hinter dem Man. Oder deutlicher noch, das Man gibt sich listig für ein Ich aus!

Heidegger spricht in Sein und Zeit von einer Diktatur des Man in folgender Weise:

„In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, in der Verwendung des Nachrichtenwesens (Zeitung) ist jeder Andere wie der Andere. Dieses Miteinandersein löst das eigene Dasein völlig in die Seinsart »der Anderen« auf, so zwar, daß die Anderen in ihrer Unterschiedlichkeit und Ausdrücklichkeit noch mehr verschwinden. In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom »großen Haufen« zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden »empörend«, was man empörend findet. Das Man, das kein bestimmtes ist und das Alle, obzwar nicht als Summe sind, schreibt die Seinsart der Alltäglichkeit vor“[7].

Die Seinsweisen des Man sind gekennzeichnet durch die Abständigkeit, die Durchschnittlichkeit, die Einebnung, die im Wesenszug der uneigentlichen Öffentlichkeit zusammengefasst sind, sowie durch die Entlastung. In der Abständigkeit beseitigt das Man die Unterschiede. Gleichmacherei und Elitenbildung, soziale Schichten verweisen auf die Abständigkeit im täglichen Leben. Im Alltag ist man immer an dieser Abständigkeit orientiert, hier zeigt sie sich als anonyme Norm in der die vielfältigen Möglichkeiten für eine Situation offen zu sein, und ihr handelnd zu entsprechen, auf wenige reduziert werden. Dem Man geht es in seinem Sein wesentlich um die Durchschnittlichkeit. Das bedeutet auch ein Regulativ des Miteinanderseins. Die Durchschnittlichkeit gibt Regeln und handlungsleitende Motive, also Werte, vor. Und tiefer gehend, die Durchschnittlichkeit gibt auch vor, was man fühlen sollte. Wenn jemand stirbt, ist man traurig, wenn man ein Baby gebiert, liebt man es sofort. Wenn man lügt, muss man ein schlechtes Gewissen haben. Diese Durchschnittlichkeit wacht über alles, was gewagt werden darf, indem sie es vorzeichnet. Sie ebnet alles über sie Hinausgehende ein. Diese Einebnung ist ein weiterer Wesenszug des Man. Es gilt nur unwesentliche Abstände zu schaffen. Alle Seinsmöglichkeiten werden eingeebnet, Einzigartiges verschwindet, in der Seinsweise des Man gibt es nichts Neues, es kennt alles bereits und ordnet in bestehende Kategorien ein. Die uneigentliche Öffentlichkeit regelt unsere alltägliche Zugangsweise zur Welt und verdeckt unsere einzigartigen ureigenen Daseinsmöglichkeiten. In der Entlastung schließlich besorgt das Man eine Komplexitätsreduktion des innerweltlich Begegnenden. Das erleichtert Entscheidungen und Handlungen. Die Möglichkeiten sind in der Entlastung aber beschränkt, und die Auswahl trifft nicht das Dasein selbst, sondern Handlungsroutinen, habitualisierte Alltags-Seinsweisen, wiederkehrende Gebräuche und Verhaltensmuster.Alle diese Entlastungen entlassen das Dasein, zum Schein, aus seiner ureigenen Verantwortung. Die Uneigentlichkeit ist so gesehen bequemer als der eigentliche Seinsvollzug. Unter dieser Perspektive wundert es nicht, wenn das Dasein leicht an das Man verfällt.

Wo aber liegen nun die Spuren, welche uns die ureigenste Seinsweise erahnen helfen? In „Sein und Zeit“ schreibt Martin Heidegger:

Zunächst »bin« nicht »ich« im Sinne des eigenen Selbst, sondern die Anderen in der Weise des Man. Zunächst ist das Dasein Man und zumeist bleibt es so. Wenn das Dasein die Welt eigens entdeckt und sich nahe bringt, wenn es ihm selbst sein eigentliches Sein erschließt, dann vollzieht sich dieses Entdecken von »Welt« und Erschließen von Dasein immer als Wegräumen der Verdeckungen und Verdunkelungen, das Zerbrechen der Verstellungen, mit denen das Dasein sich gegen es selbst abriegelt“[8].

Wie können wir aber diese Verdeckungen wegräumen, wie kann die Eigentlichkeit darunter sichtbar werden und wir in das eigentliche Erkennen und Vollziehen unserer Wesens-möglichkeiten kommen? Vielleicht kommen wir den Antworten auf diese Fragen näher, wenn wir zwei anderen Gedankenspuren folgen: 

Nietzsche und Heidegger. In Friedrich Nietzsches „Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ finden sich folgende Zeilen, die uns vom Glück sprechen:

 

„Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist und noch schlimmer: er wird nie etwas thun, was Andere glücklich macht“[9].

Eine zweite Textstelle stammt von Martin Heidegger aus der Schrift „Kant und das Problem der Metaphysik“. Er schreibt dort, 

„…daß die höchste Form der Existenz des Daseins, sich nur zurückführen läßt auf ganz wenige und seltene Augenblicke der Dauer des Daseins zwischen Leben und Tod, daß der Mensch nur in ganz wenigen Augenblicken auf der Spitze seiner eigenen Möglichkeiten existiert.“[10]

Ist Nietzsches Glück, ein Augenblick der Eigentlichkeit? Ein in seiner Brillianz überwältigendes und blendendes Aufleuchten der Welt, ein Moment der Überwindung der Geworfenheit, eine Entlastung von der Last, von der Zeitlichkeit des Daseins? Im Verständnis der Daseinsanalyse wohl nicht. Dennoch kennen wir sie alle, diese kostbaren und seltenen Momente, wo das Leben uns mitreißt, wo wir trunken werden von seiner Schönheit und überwältigenden Pracht. Als würden sich all unsere Daseinsmöglichkeiten auf einen Punkt im Hier und Jetzt konzentrieren und in einer Art höchster Möglichkeit entladen. Können wir uns je näher sein, als in dieser Ek-stase, wo wir eins werden mit der Welt? 

Was Heidegger als die höchste Form des Daseins bezeichnet, diese wenigen Augenblicke, wo wir auf der Spitze unserer eigenen Möglichkeiten existieren, diese Momente großer Intensität, wo wir uns stark, und wie Nietzsche schreibt, gleich einer Siegesgöttin fühlen, sie ereignen sich auch im Alltag. Es sind kostbare Gipfelpunkte, die das alltägliche Dasein über die Seinsweise des Man hinaus wachsen lassen. Aus Abständigkeit, Durchschnittlichkeit, Einebnung und Entlastung, den Seinsweisen des Man entlassen, gelingt uns so ein einen Daseinsvollzug, der wahrlich Ereignis genannt werden darf. 

Ein strahlend schöner Tag. Ich laufe im Schönbrunner Schlosspark, und ein kleines Kind schließt sich mir ein Stück weit an. Weiter auf meinem Weg, den Hügel hinunter, steigt ein riesiger Schwarm Möven auf, während ich hindurch laufe. Hunderte Möven schweben um mich, und ich hebe meinen Blick zu Himmel. Immer weiter laufend ist es mir, als würde ich fliegen.                                               

Oder nachts, ich gehe an das Bett meines schlafenden Sohnes, kann mich an seiner friedlichen Schönheit nicht satt sehen. Verweile lange in meiner ihm zublickenden Zuneigung und weiß, es gibt keinen Ort in dieser Welt, an dem ich mehr zu Hause bin.                                                                                           

Solche Momente ursprünglicher Erfahrung müssen nicht unbedingt spektakulär sein, sie müssen nicht lärmen und erschrecken, wiewohl sie natürlich solcher Art auch sein können. Auf der Höhe der eigenen Möglichkeiten zu existieren mag in diesem Verständnis des Vollzuges von Eigentlichkeit nur in wenigen Lebensmomenten gelingen. Jedoch ist die Möglichkeit, auf die ureigensten Seinsweisen aufmerksam zu werden und sie zu ergreifen, dem Dasein immer gegeben. Denn jeden Augenblick zwischen Geburt und Tod ruft das Dasein sich selbst im Gewissensruf. In jedem Moment besteht die Möglichkeit, sich für ein eigentliches Dasein zu entscheiden. Vielleicht könnte man Eigentlichkeit als eine Art Grundsatzentschluss des Daseins sehen, den Ruf hören zu wollen und ihm zu entsprechen. Das hieße, die Verantwortung für den ureigenen Daseinsvollzug stets aufs Neue zu übernehmen mit Hilfe der Kraft aus dem Urquell des eigenen Wesens.

Ich möchte mich aber noch aus einer anderen Warte auf die Spur der Eigentlichkeit begeben. Es wurde gesagt, alltäglich sind wir zunächst und zumeist in der Weise des Man. Dennoch taucht vor meinen Augen eine Spur auf, die sich aus der Mitte der alltäglichen Seinsweise unscheinbar einen Weg bahnt. Diese Spur, könnte sie auch hineinführen in die Weise des eigentlichen Seinsvollzuges des Daseins? Ließe es sich vorstellen, dass am Ausgangspunkt dieser Spur, dem entlastenden Wesenszug der Seinsweise des Man, auch so etwas erspürbar wird, wie ein Freiraum, der nichts mit einem Ausweichen vor der Verantwortung zu tun hat? Wir finden uns leicht in dieser Welt des Man zurecht, weil wir sie kennen. Die Routinen des Alltags, seine vielfach erprobten und habitualisierten Handlungsmuster, das Rezeptwissen und der kognitive Stil der Praxis, wie wir es in der Soziologie nennen, führen das Dasein nahezu traumwandlerisch durch die alltägliche Welt. Wir werden entlastet, das bedeutet auch, wir werden in die Lage versetzt, sozusagen freigesetzt, dem Wesentlichen nachzuspüren. Entlastung ist also nicht nur im Kontext der Uneigentlichkeit zu sehen. In der Entlastung wachsen Freiräume, wo jenes erscheinen, sichtbar werden kann, was uns wirklich angeht.Die Welt des Alltags ist uns vertraut. Wenn sie sich verändert, und vor allem, wenn dies plötzlich geschieht, erschrecken wir, finden uns nicht mehr zurecht und sind verunsichert. Die Alltagswelt beschützt uns, in ihren vertrauten, heimatlichen Bezügen fühlen wir uns sicher. Der Zustand der Anomie, der Regellosigkeit, wo nichts Vertrautes mehr weiter zu bestehen scheint, wo nichts mehr Bestand hat, ist für das einzelne Dasein äußerst belastend. Emil Durkheim, der französische Soziologe, stellte schon vor über einem Jahrhundert fest, dass im Zustand der sozialen Anomie die Suizid-Rate in einer Gesellschaft erheblich ansteigt[11]. Vom Standpunkt der Erfordernisse, die ein eigentlicher Daseinsvollzug an die Menschen stellt, sieht sich das Dasein im Zustand der Anomie, also einem weitgehenden Zusammenbruch des Man, wohl nicht in der Lage, diese, plötzlich von ihm geforderte radikale Eigenverantwortung zu übernehmen. Die alltägliche Seinsweise entlastet uns also auch, indem, sie uns Halt gibt. Wenn die Weise des Man sich aber ausschließlich selbst genügt, und das Dasein sich gänzlich aus diesem Seinsverständnis heraus vollzieht, ist es verfallen an das Man. Das zur Eigentlichkeit entschlossene Dasein kann sich jedoch, auch wenn es zunächst und zumeist in der Seinsweise des Man zerstreut ist, durch das Hören-wollen des Rufes und das Aufrufverstehen, stets an seine eigensten Möglichkeiten erinnern. 

Ich frage mich zudem, ob das Dasein nicht auch in einem anderen Zusammenhang gewissen Schutz in der Seinsweise des Man findet, wenn nämlich im Modus der Öffentlichkeit, das von der mitmenschlichen Welt abgelehnte Anderssein verborgen werden kann. Möchte ein Mensch andere Möglichkeiten in seinem Daseinsvollzug auswählen als diese, welche sozial erwünscht sind, kann er von der Gesellschaft schmerzlich ausgeschlossen werden. Mag das Man auch die Regeln vorgeben und stets die anderen, der Niemand sein, so wird daraus dennoch schnell ein Jemand, dem das einzelne Dasein durch direkte Begegnung, direkte Interaktion in seiner Mit-Welt begegnet. Und dieser Jemand kann unter Maßgabe der Regeln des Man Sanktionen über das Dasein verhängen, positive oder negative, Lob oder Tadel, Belohnung oder Strafe. Wir können nicht davon absehen, dass das Dasein immer schon ein Mitsein ist, und in seinen Vollzugweisen und Bezügen wesentlich von den Mitmenschen bestimmt ist. In der Auseinandersetzung mit der Öffentlichkeit des Man und ihren Regeln darf nicht vergessen werden, dass durchaus auch konkrete Menschen vom Dasein den Einhalt dieser Regeln einfordern. Ein stigmatisierter, ausgeschlossener Mensch leidet. Wenn wir ihm vom Dasein als einer Last sprechen, vom „nackten Daß“, welches es auszuhalten gilt, mag ihm das leicht wie Häme klingen. Ein Mensch, der sein eigenstes Dasein zu sehr nach den Regeln des Man ausrichtet und seinen Wesensgrund nicht erspüren kann,  leidet auch. Eigentlichkeit findet nicht im luft- und menschenleeren Raum statt. Natürlich will ich hier nicht dem Ausweichen vor der eigenen Verantwortung den Stab brechen. Es ist mir nur daran gelegen, darauf hinzuweisen, dass es durchaus denkbar ist, in der Öffentlichkeit und Entlastung des Man jenen stillen Freiraum zu finden, in dem der Ruf der Sorge ankommen und verstanden werden kann.Wir alle brauchten und brauchen Zeit um in den eigentlichen Wesensvollzug hineinzuwachsen, eine Zeit des Reifens, des Wachstums und des Sich-selbst-Nachspürens. Wir können jedem Menschen vertrauen, dass er sich wesenhaft auf sein Sein versteht. Auch wenn ihm sein eigentlicher Wesensgrund und die Gewissensstimme im Augenblick verdeckt sind. Ich glaube nicht, dass Eigentlichkeit heißt, der Seinsweise des Man vollkommen den Rücken zu kehren. Es geht nicht darum auszusteigen oder wie ein Eremit zu leben. Es geht auch nicht darum sich oppositionell zum Man in Beziehung zu setzen.

 Die Frage ist, wo kann das Gewissen-haben-wollen gelebt werden in der Kakophonie der alltäglichen, lauten, schnellen und unübersichtlichen Welt des hektischen Besorgens voller Sachzwänge und Pflichten? Plausibel klingt die Annahme, dass wir zur Stille kommen sollten oder zur Stille finden, weil ja auch der Ruf des Gewissens ein Ruf der Stille ist. Heidegger spricht von der nahe liegenden Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen[12]. Nach ihm ist es gerade diese Tendenz, die den Menschen um sein eigentliches Seinkönnen bringt. Entscheidend ist, wie wir mit dem Lastcharakter des Daseins umgehen. Die Last auf sich zu nehmen, das nackte Dass, welches dieses geworfene Dasein nun einmal ist, anzunehmen und auszuhalten, das bringt uns in den Entschluss zum eigentlichen Daseinsvollzug. Dennoch am Leichtnehmen und Leichtmachen ist doch auch etwas Gelassenes. Leiden nicht gerade viele Menschen deshalb, weil sie es schwer haben, etwas leicht zu nehmen oder sich etwas leicht zu machen? Das Ausweichen des Daseins von dem, was es sich selbst schuldig ist, das Sich-verschlingen-lassen von den alltäglichen Besorgungen und Pflichten, ist zudem oft auch ein Stück des Weges nicht vermeidbar. Der Anspruch, welcher dem eigentlichen Dasein zugerufen wird, ist jedoch, sein eigentliches Entsprechen gerade im In-sein, inmitten der Fülle, im freien verantwortlichen Vollzug zu übernehmen.

Bei Rüdiger Safranski las ich, Heidegger habe das Dasein im Menschen beschwören wollen, damit es sich von sich selbst her zeige[13]. Im Ereignis, in der Befindlichkeit kommt er auf die Spur des Daseins und seines eigentlichen Vollzuges. Das sich ereignende Dasein ist gestimmt und durchstimmt von der Welt. Die Spur zu uns selbst und zur Welt hat keine Richtung, sie ist das All des Seins. Vielleicht ist ja die Seele die Harfe, durch deren Stimmung die Welt je eigen erklingt.

Dies ist die ureigenste Weise unserer Seele – Niemand kann sie uns ablisten![14]

Fußnoten:

[1]Friedrich Hölderlin: Gesammelte Werke. Gedichte/Hyperion/Empedokles Herausgegeben von Bernt von Heiseler. C.Bertelsmann Verlag 1958, S. 151f. (Ältere Fassung abgedruckt auf Seite 152). 

[2] Bei den folgenden Ausführungen über die Seele beziehe ich mich auf die Stellungnahme des ÖDAI zum Gutachten des Psychotherapiebeirates vom 11.Dezember 2001, Beilage 5A, Punkt 3.2 Traditionelles Seelenverständnis der DA, S.37-41, worin wiederum  auf 

A.K. Wucherer-Huldenfeld: Die Weite des menschlichen Da-seins in ihrer Bedeutung für die Psychotherapie, in Ursprüngliche Erfahrung und personales Sein, Bd.1, 325-337 und

Aristoteles: De Anima 431 b 21 verwiesen wird.

[3] siehe hierzu auch Holger Helting: Einführung in die philosophischen Grundlagen der psychotherapeutischen Daseinsanalyse. Aachen: Shaker Verlag 1999, S.141 ff.

[4] A.a.O. S.78ff.

[5] Martin Heidegger: Sein und Zeit. 17.Auflage, Tübingen: Niemeyer 1993, S.273ff

[6] A.a.O. S.126

[7] A.a.O. S.127 (Kursiv im Original)

[8] A.a.O. S.129 (Kursiv im Original)

[9] Friedrich Nietzsche: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. München: dtv 1996, ungekürzte Fassung, S.9

[10] Martin Heidegger: Kant und das Problem der Metaphysik. Frankfurt a.M.: Klostermann 1991, S.270

[11] Emile Durkheim: Der Selbstmord. 5.Auflage, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1995 (französische Originalausgabe 

1897)

[12] Martin Heidegger: Sein und Zeit, S.127

[13] Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuchverlag 2001, S.204

[14] Eigentlich wollte ich diesen Vortrag mit den letzten drei Strophen des Gedichtes „Der Abschied“ von Friedrich Hölderlin (A.a.O.) beenden. Das scheinbar Abgelistete eröffnet sich den Liebenden hier wieder, denn es war niemals wirklich fort: 

„…Hingehn will ich. Vielleicht seh ich in langer Zeit

            Diotima! dich hier. Aber verblutet ist

                        dann das Wünschen, und friedlich

                                    gleich den Seligen, fremde gehen

 

     Wir umher, ein Gespräch führet uns auf und ab,

            Sinnend, zögernd, doch itzt mahnt die Vergessenen

                        Hier die Stelle des Abschieds,

                                    Es erwarmet ein Herz in uns,

 

     Staunend seh ich dich an, Stimmen und süßen Sang,

            Wie aus voriger Zeit, hör ich und Saitenspiel,

                        Und die Lilie duftet

                                    Golden über dem Bach uns auf.“

Literaturliste

 

Aristoteles: De Anima 431 b 21 

Berger, Peter L. Luckmann, Thomas (1996) Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer

Durkheim, Emile: Der Selbstmord. 5.Auflage, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995 (französische Originalausgabe 1897)

Han, Byung-Chul (1996) Heideggers Herz. Zum Begriff der Stimmung bei Martin Heidegger. München: Willhelm Fink Verlag

Heidegger, Martin (1991) Kant und das Problem der Metaphysik. Frankfurt am Main: Klostermann, S.270

Heidegger, Martin (1993) Sein und Zeit. 17.Auflage, Tübingen: Niemeyer

Helting, Holger (1999) Einführung in die philosophischen Grundlagen der psychotherapeu-tischen Daseinsanalyse. Aachen: Shaker Verlag, S.141 ff.

Hölderlin, Friedrich (1958) Gesammelte Werke. Gedichte/Hyperion/Empedokles. Hrsg. Bernt von Heiseler. C.Bertelsmann Verlag

Nietzsche; Friedrich (1996 ) Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben. München: dtv, ungekürzte Fassung, S.9

ÖDAI (2001) Stellungnahme des ÖDAI zum Gutachten des Psychotherapiebeirates vom 11. Dezember 2001(unveröffentlicht)

Beilage 5A, Punkt 3.2: Traditionelles Seelenverständnis der DA, S.37-41, 

Safranski, Rüdiger (2001) Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuchverlag

Soeffner, Hans-Georg (1990) Kultur und Alltag. Fernstudienkurs der FernUniversität-Gesamthochschule in Hagen, Kursnummer 03774

Wucherer-Huldenfeld, A.K.: Die Weite des menschlichen Da-seins in ihrer Bedeutung für die Psychotherapie, in Ursprüngliche Erfahrung und personales Sein, Bd.1, 325-337 

  

2003 Charlotte Aigner (vormals Spitzer), Vortrag beim IFDA Forum in Wien

 
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