„Wie wenn ich Wurzeln geschlagen hätte“

 

Franz Kafkas Kuraufenthalt in Matliary[1]

Im Dezember 1920 reist ein Prager Doktor der Rechtswissenschaften, 37 Jahre alt, deutschsprachig, jüdischer Herkunft, nach Tatranské Matliare, um hier eine Besserung oder gar Heilung seiner Lungentuberkulose zu erreichen. Sein Aufenthalt wird über acht Monate dauern und den Ort, einen kleinen Weiler in der Hohen Tatra mit Namen Matliary weltberühmt machen, denn es handelt sich um niemand Geringeren als Franz Kafka.

Sehr verehrte Zuhörende, liebes Publikum, ich möchte mich zuerst einmal ganz herzlich beim slowakischen PEN Zentrum, beim Österreichischen Kulturforum Bratislava und besonders bei Herrn Dr. Milan Richter für die Einladung in die Slowakei, bedanken! Schon lange wollte ich hierher reisen. Letztes Jahr zum 100-jährigen Jubiläum von Kafkas Sanatoriumsaufenthalt war es mir leider aus Pandemie-Gründen nicht möglich. Umso mehr freue ich mich über die Einladung heute und möchte Ihnen ein wenig über Franz Kafkas Situation vor der Reise nach Tatranské Matliary und die Zeit, die er im flächenmäßig kleinsten Hochgebirge der Welt[2] verbrachte, erzählen.

 

Beginnen möchte ich mit einem kurzen Abriss der Lebensgeschichte von Franz Kafka, der am 3. Juli 1883 als erster Sohn des Ehepaares Hermann und Julie Kafka in Prag geboren wird. Zwei weitere in den folgenden Jahren geborene Söhne versterben. Schließlich werden den Kafkas noch drei Töchter geboren, Gabriele, genannt Elli, 1889, Valerie, genannt Valli, 1890 und Ottilie, genannt Ottla, Kafkas Lieblingsschwester, 1892 (alle Schwestern werden später in Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet)[3].

Hermann Kafka betreibt einen Galanteriewarenladen im Zentrum Prags. Er und seine Frau arbeiteten sehr viel dort, so dass für die Kinder kaum Zeit bleibt. Franz und seine Schwestern werden so von häufig wechselnden Kindermädchen und dem Dienstpersonal der Familie betreut.[4]

Franz Kafka ist in eine Familie deutschsprachiger Juden hineingeboren, die großen Wert auf Assimilation legt, er wächst zweisprachig auf, das Personal im Hause Kafka spricht Tschechisch[5]. Die Familie zieht im Laufe der Kindheit und Jugend Franz Kafkas mehrmals um, allerdings immer im Umkreis des Altstädter Rings, dem Zentrum von Prag. Franz Kafka absolviert die Volksschule und dann das Gymnasium, wo er 1901 maturiert[6], übrigens in Deutsch mit der Note Befriedigend[7].

Er ist zuerst nicht sicher, was er studieren will, schreibt sich für Chemie ein, bricht das schnell ab. Auch Germanistik und Kunstgeschichte belegt er, weniger bekannt ist, dass er auch Zeichenunterricht[8] nimmt. Schließlich entscheidet er sich aber für die Rechtswissenschaften. In seiner Studienzeit lernt er die lebenslangen Freunde Max Brod, Oskar Baum und Felix Weltsch kennen. Mit ihnen unternimmt er viele Ausflüge und unterhält einen regen geistigen Austausch. Sie treffen sich regelmäßig und lesen einander selbst verfasste Texte vor, aber auch anderes.

Als Franz Kafka zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert wird, beginnt er nach dem Gerichtsjahr und einer Zeit bei der Assecurazione Generali [9] bei der Arbeiter-Unfall-Versicherung für das Königreich Böhmen zu arbeiten. Hier wird er bis zu seiner Pensionierung im Juni 1922 bleiben[10]. Die Arbeitszeiten erlauben es ihm viele Stunden gemeinsam mit den Freunden, vor allem mit Max Brod zu verbringen.

Kafka zeichnet und schreibt[11]. 1908 veröffentlicht er erste kleine Texte im Hyperion, ab 1909 führt er Tagebuch. Das Schreiben ist Kafka nun das Wichtigste. In einem Brief an seine spätere, zweimalige Verlobte Felice Bauer, meint er im August 1913:

 

Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.[12]

 

Interessiert an Naturheilkunde und gesunder Lebensform beginnt er mit dem sog. Müllern, einer Gymnastik, die er morgens nackt vor offenem Fenster ausführt und dem Fletschern, dem häufigen Kauen eines jeden Bissens, bis zu 30 Mal. Kafka wird mit ca. 30 Jahren Vegetarier[13]. Diese Entwicklungen missfallen seinem Vater, wie so vieles andere, wo Kafka eigene Interessen verfolgt. Der Konflikt mit dem Vater ist und bleibt ein lebenslanger Prozess. Im 1919 geschriebenen Brief an den Vater[14] lässt sich Kafkas Beschreibung dieser Beziehung, um nicht zu sagen, dieses „Kampfes“, in literarisierter Form nachlesen.

Kafka lebt bis 1914 in der elterlichen Wohnung. Da er sehr lärmempfindlich ist und nur schreiben kann, wenn absolute Ruhe herrscht, beginnt er mit einem besonderen Wach-Schlaf Rhythmus. Er verbringt am Nachmittag, nach der Arbeit, einige Zeit auf dem Sofa in einer Art Halbschlaf und bleibt dann auf, bis alle im Hause schlafen, um zu schreiben. Jede Nacht bleibt er so bis ca. 3 Uhr auf. Mit der Zeit führt das dazu, dass er nur noch schlecht schlafen kann und manchmal gänzlich schlaflos ist. Auch heftige Kopfschmerzen quälen ihn mitunter tagelang.

Die Zeit von 1912 bis 1917 ist phasenweise literarisch besonders produktiv, er verfasst 1912 in einer einzigen Nacht die Erzählung Das Urteil, die für ihn selbst den Durchbruch als Schriftsteller darstellt. Es entstehen verschiedene Texte, darunter Die Verwandlung, Der Heizer. Ende 1912 erscheint sein erstes Buch Betrachtung. Zu Kriegsbeginn zieht er, um Platz für seine Schwestern und deren Kinder zu machen, da deren Männer zum Kriegsdienst eingezogen worden sind, in die Wohnung seiner Schwester Valli. Hier beginnt er den Prozess-Roman. Viele weitere kleinere Erzählungen und Prosastücke entstehen in den nächsten Jahren, vor allem im Winter 1916/17, in Ottlas Häuschen im Alchimistengässchen auf dem Hradschin, Texte, welche später zum Teil im Landarzt-Band erscheinen werden[15]. Kafka scheint auf dem Höhepunkt seines Schaffens zu sein.

Er ist sein Leben lang auch sehr mager, er wird deshalb bei der ersten Musterung für den Kriegsdienst nicht angenommen (später verhindert die Arbeiter-Unfall-Versicherung gegen seinen Willen den Einzug zum Kriegsdienst). Er erlebt seine Gesundheit stets instabil, sieht sich als Neurastheniker und hat hypochondrische Neigungen. Daher verbringt er bereits vor seiner schweren Erkrankung viele Urlaube in Sanatorien und Naturheilstätten.

1917 aber kommt es dann zu einem Blutsturz aus der Lunge und es ist ihm schnell klar, dass es sich diesmal um eine ernste Erkrankung, nämlich Tuberkulose handelt. Um sich von diesen ersten Erscheinungen der Krankheit zu erholen, reist er nach Zürau, wo seine Lieblingsschwester Ottla den Hof ihres Schwagers Karl Hermann betreibt. Er löst seine zweite Verlobung mit Felice Bauer, der er in fünf Jahren ungeheuer viele Briefe geschrieben, sie aber kaum persönlich getroffen hatte. Acht Monate bleibt er dort, genießt das ländliche Leben und die Ruhe, möchte am liebsten gar nicht mehr weg. Er wird auch tatsächlich wieder ganz gesund. Im Frühjahr 1918 kann er seinen Dienst in der Versicherung und sein Prager Leben wieder aufnehmen. Jedoch im Herbst dieses Jahres erkrankt er schwer an der Spanischen Grippe[16], wodurch wahrscheinlich die Tuberkulose wieder aktiviert wird. Er übersteht die Grippe zwar, aber von nun an wird seine Lungenerkrankung schleichend immer weiter fortschreiten. 1918 und 19 reist er daher mehrmals nach Schelesen, in die Pension Stüdl, um Erholung von der TBC zu erlangen. Dort lernt er im Frühjahr 1919 die ebenfalls daran erkrankte Julie Wohryzek kennen, sie wird seine nächste Verlobte. Den Hochzeitstermin aber sagt er im Herbst, im letzten Moment ab, fährt wieder nach Schelesen und verfasst dort den berühmten Brief an den Vater.[17] Er zieht sich mehr und mehr zurück, und auch die Krankheit verschlimmert sich in der kalten Jahreszeit zusehends.

Im Frühjahr 1920 ist klar, es muss ein Kurort gefunden werden, wo er sich tatsächlich ganz erholen kann. Er wählt Meran in Südtirol. Im April 1920 fährt er für fast drei Monate dort hin. Die Voraussetzungen wären gut, das Klima bestens geeignet. Es beginnt der Briefwechsel mit der Tschechischen Journalistin Milena Jesenská, die mit ihrem Ehemann Ernst Pollak in Wien lebt[18]. Sie arbeitet als erste Übersetzerin von Kafkas Texten ins Tschechische gerade an Der Heizer. Schnell intensiviert sich der Austausch. Kafka ist so begeistert von dieser Frau, dass er vollkommen davon absorbiert scheint. An Schlaf ist nicht mehr zu denken und auch die ständige Aufregung zehrt an seinen Nerven. Aber er ist so involviert, dass er Ende Juni, trotz aller Ängste, nach Wien fährt, um sie zu treffen. Die Begegnung verläuft gut. Kafka kehrt erfüllt nach Prag zurück. Allerdings zeigt sich bei einer neuerlichen Begegnung im August in Gmünd, dass es sich doch nicht so entwickeln wird, wie er gehofft hatte. Das führt, obwohl der Briefwechsel weitergeht, in den nächsten Monaten zu einer großen nervlichen Krise bei Kafka.

Hinzu kommt, bereits am Anfang des Winters 1920, sein besorgniserregend schlechter Gesundheitszustand. Schließlich geht die Schwester Ottla ohne sein Wissen im Auftrag der Familie zu Kafkas Direktor und bittet um einen Genesungsurlaub, der auch gewährt wird. Kafka entscheidet sich für die Berge, er wählt Tatranské Matliary. Wieder hat er kein renommiertes, teures Sanatorium ausgesucht, sondern ein eher bescheidenes, das gleichzeitig als Kuranstalt, aber auch als Hotel für Jäger und Skifahrer geführt wird.[19]

 

Der erste Brief aus Matliary ist um den 21. Dezember 1920 datiert und richtet sich an seine Schwester Ottla, die ihn eigentlich hätte begleiten sollen. Kafka schildert in launigem Ton die Geschichte seiner Ankunft in Tatra Lomnitz[20]:

 

Eingeheizt ist zwar aber der Ofen stinkt mehr, als er wärmt. Und sonst? Ein Eisenbett, darauf ohne Überzug ein Polster und eine Decke, die Tür im Schrank ist zerbrochen, zum Balkon führt nur eine einfache Tür und selbst die sitzt nicht fest, wie es mir überhaupt vorkommt, dass »durch alle Fugen der Wind heult«[21].

Kafka ist aufgebracht, beschwert sich bei dem Dienstmädchen über das schäbige Zimmer, überlegt gleich am nächsten Morgen wieder abzureisen. Auch Frau Forberger, die Hotelbesitzerin, vermag ihn nicht zu beruhigen. Erst als dem Dienstmädchen einfällt, dass ja daneben auch ein Zimmer für Ottla hergerichtet ist, wendet sich die Situation. Kafka lässt sich das zweite, viel wohnlichere Zimmer zeigen und ist angenehm überrascht:

„Es war auch wirklich viel besser, größer, besser beheizt, besser beleuchtet, ein gutes Holzbett, ein neuer Schrank, das Fenster weit vom Bett, da blieb ich. Und damit begann die Wendung zum Guten“.[22] Und weiter:

Und erst am nächsten Tag sah alles noch viel besser aus. Die Villa in der ich wohne (Tatra heißt sie) war plötzlich ein hübsches Gebäude, es gab weder Wind noch Fugen, der Balkon lag genau in der Sonne. Als man mir für die nächste Woche ein Zimmer in der Hauptvilla anbot, hatte ich nicht die geringste Lust mehr dazu, denn die »Tatra« hat große Vorteile gegenüber der Hauptvilla.[23]

Besonders die ersten Wochen in Matliary, aber auch fast der ganze weitere Aufenthalt Kafkas dort, sind überschattet vom Scheitern der Beziehung zu Milena Jesenská, welches ihn in einen Zustand seelischer Zerrüttung zurückließ. Nicht zuletzt deshalb war er in die Berge geflohen.[24]

Wie es um Kafka in Bezug auf Milena Jesenská steht, mögen einige Auszüge aus einem Brief einen Monat vor seiner Abreise, zeigen:

(…) Sollte es nicht gut sein, dass wir einander zu schreiben jetzt aufhören, müßte ich mich entsetzlich irren. Ich irre mich aber nicht, Milena.[25]

(…) Und diese Briefe sind doch nur Qual, kommen aus Qual, unheilbarer, machen nur Qual, unheilbare, was soll das - und es steigert sich gar noch - in diesem Winter? Still sein, ist das einzige Mittel zu leben, hier und dort. Mit Trauer, gut, was tut das? Das macht den Schlaf kindlicher und tiefer. Aber Qual, das heißt einen Pflug durch den Schlaf - und durch den Tag - führen, das ist nicht zu ertragen. [26]

In den ersten Tagen seines Aufenthalts in Matliary, dürfte Kafka einen – nicht mehr erhaltenen - Abschiedsbrief an Milena Jesenská geschrieben haben. Sie wendet sich daraufhin verzweifelt an Max Brod und gibt Zeilen aus Kafkas Brief wieder:

 

Nicht schreiben und verhindern, daß wir zusammenkommen, nur diese Bitte erfülle mir im Stillem, sie allein kann mir irgendein Weiterleben ermöglichen, alles andere zerstört weiter. [27]

 

Max Brod erzählt Kafka nichts davon. Erst im April wird das Thema zwischen den Freunden wieder wichtig werden.

Die Zeit in Matliary, fällt in jene Periode des Briefwechsels zwischen Franz Kafka und Max Brod (1917 -1924), wo nahezu alle Briefe, auch von Brod erhalten sind[28]. Kafka bewahrte Briefe, die er erhielt, gewöhnlich nicht auf (jene Milena Jesenskás bilden wahrscheinlich die Ausnahme, sind aber nach seinem Tod leider verloren gegangen[29]). Der Austausch der beiden Freunde liest sich wie ein Gespräch, in dem allerdings manche Themen vom Gegenüber nicht mehr aufgegriffen werden. Max Brod erzählt viel von sich und seiner augenblicklichen Lebenssituation, im Vordergrund aber steht seine große Sorge um Kafkas Gesundheit und sein Unverständnis für die Weise wie Kafka die Behandlung seiner Lungentuberkulose angeht. Es geht jedoch auch um Literatur, Kunst, kulturelles Leben, aber auch Milena Jesenská und die Nachwehen des vergangenen Jahres. Kafka schreibt über die Besonderheit als Jude in deutscher Sprache zu schreiben[30], Brod wiederum erzählt von Fortschritt seines neuen Romans und davon, dass er mit seiner neuen Geliebten Emmy, der neuen Arbeitsstelle beim Pressedienst der Regierung und seiner Ehefrau (!) zum ersten Mal richtig glücklich ist. Die beiden unterhalten sich auch recht ausführlich über ihr Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Ist Brod Kafkas literarischen Lebensäußerungen stets mit größter Hochachtung begegnet, so war es, wie diese Briefe zeigen, umgekehrt nicht weniger der Fall. Die Vertrautheit und Nähe der beiden Freunde ist jedenfalls deutlich zu spüren, auch wenn der Stil der Briefe durchaus verschieden ist. Brod unterscheidet zwischen privaten und öffentlichen Äußerungen, bei Kafka besteht diese Trennung kaum. Brods Briefe sind fast zur Gänze „Augenblicksbriefe“, in denen das Gebot größter Direktheit gilt, während bei Kafka „…wo er seine Erlebnisse in ihrer Einzigartigkeit mitzuteilen versucht, […] fast zwangsläufig ein Stück Literatur“[31] entsteht.

 

Wie sieht es mit Kafkas Gesundheit aus? Der Ort war Kafka wegen der starken Höhensonne von seinem Prager Arzt Dr. Krahl empfohlen worden. In dieser Gegend der Karpaten kommt es bei ruhigem Wetter häufig zu einer inversen Wärmeschichtung, die bei schlechterem Wetter in den Tälern, auf den Anhöhen klaren Himmel und Sonnenschein ermöglicht. Eine Reihe von Luftkurorten entwickelte sich wegen dieser günstigen Wettersituation. Schon vor dem Ersten Weltkrieg war die Hohe Tatra eine beliebte Sommerfrische, vor allem für Menschen aus Budapest gewesen. Nun entwickelt sie sich auch zu einem Wintersportort, der dem aufkommenden Tourismus einiges zu bieten hat. Kafka wählt Matliary wohl wegen der günstigeren Preise, dem Angebot, vegetarische Speisen zu bekommen, der Möglichkeit, Gartenarbeit zu verrichten und weil es nicht als erstklassiges Lungensanatorium gilt[32]. Er schreibt an Max Brod am 31.12.1920:

 

Was mich betrifft: ich habe hier einen guten Ort gefunden, gut nämlich, soweit man etwas haben will, was noch einen Anschein von Sanatorium hat und doch keines ist. Es ist keines, da es auch Turisten, Jäger und überhaupt jeden aufnimmt, keinen überflüssigen Luxus hat, sich nur bezahlen läßt, was wirklich gegessen wird und ist doch ein Sanatorium, da es einen Arzt hat, Liegekurmöglichkeit, Küche nach Belieben, gute Milch und Sahne. Es liegt 2 km hinter Tatra-Lomnitz also noch um 2 km näher an den großen Lomnitzer Spitzen, selbst ist es 900 m hoch [33] 

 

Max Brod aber ist nicht zufrieden, am 6.1.21 schreibt er dem Freund eindringlich[34]:

Nun aber bist du eben leider nicht ins beste Sanatorium gegangen. Und ich fühle: schon das zweitbeste ist wertlos. - Es wird genauso wie in Meran sein. Ich begreife nicht, wie du in einer Sache sparen kannst, die doch um Leben und Tod geht, wenn mans klar heraussagen darf. […] Und man kocht dir zwar, was du willst, aber das ist eben das Falsche. Denn du müßtest auch wider deinen Willen gefüttert werden. Franz, du mußt doch diesmal dick werden, begreife es endlich! 

Es gibt natürlich einen Arzt im Hause, Dr. Leopold Strelinger, ebenfalls jüdischer Herkunft, der drei Zimmer von Kafka entfernt wohnt. Mit diesem vereinbart Kafka eine tägliche Morgenvisite. Arseninjektionen, eine damals übliche Behandlung, verweigert er jedoch. Kafka ist ein eigenwilliger, um nicht zu sagen sturer Patient. Da er stets an der Naturheilkunde interessiert gewesen ist, bringt er diesen Methoden mehr Vertrauen entgegen als der herkömmlichen - heute würde man sagen - Schulmedizin. Das bleibt, nach bereits dreieinhalb Jahren der Lungentuberkulose, auch weiterhin so. Er setzt von den ärztlichen Vorgaben nur um, was er selbst für passend hält. Dr. Strelinger empfiehlt fünf Mal täglich Milch und zweimal Sahne. Kafka schafft nur die Hälfte[35].

 

Der Aufenthalt in Matliary stellt insofern eine Zäsur in Kafkas bisheriger Krankheitserfahrung dar, als er sich erstmals aus der Nähe mit Menschen, die an Lungen- oder auch Kehlkopftuberkulose erkrankt sind, konfrontiert. Natürlich zieht er daraus Schlüsse, was sein eigenes mögliches Schicksal betrifft. In einem Brief an Max Brod Ende Januar 1921 schildert er seinen Besuch bei einem an Kehlkopf- TBC erkrankten tschechischen Oberst. Dieser erklärt ihm seine tägliche Praxis der Kehlkopfbehandlung durch Spiegel, mit denen er das Sonnenlicht auf die betroffenen Stellen in der Kehle richtet. Er präsentiert Kafka auch Zeichnungen der Geschwüre und gibt ihm die Instrumente in die Hand, die er - wohl entsetzt - weit von sich hält. Kafka droht das Bewusstsein zu verlieren, flüchtet sich auf den Balkon und versucht sich so weit zu fangen, dass er mit der Bemerkung, ihm sei schlecht, schnell aus dem Zimmer flüchten kann. Noch auf dem Weg in sein eigenes kämpft er mit einer Ohnmacht[36]. Heute würden wir das eine aufkommende Panikattacke nennen.

 

Kafkas psychischen Zustand jener Tage kann man auch gut an der hochgradigen Lärmempfindlichkeit, auch Hyperakusis[37] genannt, erkennen. Schon viele Jahre leidet Kafka mehr als gewöhnlich unter den Geräuschen der Umgebung.  An Max Brod schreibt er am 13. Januar folgendes:

 

 Eine Kleinigkeit. Ein Gast, ein junger Mensch, krank aber fröhlich, singt ein wenig unter meinem Balkon oder unterhält sich auf dem Balkon über mir mit einem Freund (…) - also diese Kleinigkeit geschieht und ich winde mich auf meinem Liegestuhl fast in Krämpfen, das Herz kann es nicht ertragen, in die Schläfen bohrt sich jedes Wort ein, die Folge dieser Nervenzerrüttung ist, dass ich auch in der Nacht nicht schlafe.[38]

 

Kafka ist in den noch genug kalten und windigen Wintermonaten von Matliary alles andere als gesund. Er hat mehrere Erkältungen, immer wieder entstehen schmerzhafte Abszesse und sein Darm macht Probleme. Auch die altbekannte Schlaflosigkeit stellt sich wieder ein. Dennoch lebt er sich im Laufe der Wochen und Monate ein, genießt die, gegenüber der Situation im Haupthaus, etwas ruhigere Atmosphäre der Villa Tatra.

Kafka findet auch langsam Kontakt zu einigen Mitpatienten, da ist der Koschauer Arthur Szinay, Herr Glauber, ein Zahntechniker sowie verschiedene andere Patient:innen, die er kennen lernt, mit manchen bleibt er auch nach dem Aufenthalt in Kontakt. Er ist nicht so aktiv wie in Meran, aber kleinere Ausflüge macht er bei zunehmend wärmerem Wetter doch mit. Ansonsten liegt er tagsüber in der Sonne, wann immer es geht, stets die Milchflasche neben sich und versucht durch das Ruhen Erholung zu finden. Bereits in der dritten Januarwoche schreibt er an Ottla: ich sehe nämlich, daß ich länger werde bleiben müssen, wenn ich der Sache irgendwie gründlicher beikommen will[39] und entwirft einen Brief an den Direktor. Ehemann Josef David, genannt Pepa, übersetzt diesen Brief ins Tschechische und Kafka fügt schließlich wieder einige kleinere Fehler ein, damit es aussehe, als habe er ihn selbst verfasst[40].

 

Anfang Februar kommt es auf einem Spaziergang zur wichtigsten Begegnung seiner Zeit in Matliary. Er trifft Robert Klopstock, einen jüdisch/ungarischen Medizinstudenten aus Budapest. Klopstock ist Anfang 20 und selbst an Lungentuberkulose erkrankt, die er sich während seines Kriegsdienstes in Sanitätsbaracken zugezogen hat. Bereits kurz danach schreibt Kafka an Max Brod:

 

Gestern abend wurde ich gestört, aber freundlich, es ist ein 21jähriger Medicinstudent da, Budapester Jude, sehr strebend, klug, auch sehr literarisch, äußerlich übrigens trotz gröberen Gesamtbildes Werfel ähnlich, menschenbedürftig in der Art eines geborenen Arztes, antizionistisch, Jesus und Dostojewski sind seine Führer - der kam noch nach 9 Uhr aus der Hauptvilla herüber, um mir den (kaum nötigen) Wickel anzulegen, seine besondere Freundlichkeit zu mir kommt offenbar von der Wirkung Deines Namens her, den er sehr gut kennt.[41]

 

Schon am 10. Februar bittet er Ottla für Klopstock ein Paket aus seinem eigenen Bücherschrank zusammenzustellen und nach Matliary zu schicken.[42]

Ende April beschreibt Kafka Max Brod den neuen Bekannten so:

 

(…) dabei sieht man ihm von seiner Krankheit gar nichts an, ein großer, starker, breiter, rotwangiger, blonder Mensch, im Kleid ist er fast zu stark, hat gar keine Beschwerden, hustet nicht, hat nur manchmal erhöhte Temperatur. Nachdem ich ihn äußerlich ein wenig vorgestellt habe (im Bett, im Hemd, mit zerrauftem Haar, mit einem Jungengesicht wie aus Hoffmanns Kindererzählungs-Kupferstichen und dabei ernst und angespannt und doch auch in Träumen - so ist er geradezu schön).[43]

 

Ottla gegenüber erwähnt er auch die abgründigere Seite, die er an Klopstock wahrnimmt:

 

Der unglückliche Mediziner. Ein solches dämonisches Schauspiel habe ich in der Nähe noch nicht gesehn. Man weiß nicht, sind es gute oder böse Mächte die da wirken, ungeheuerlich stark sind sie jedenfalls. Im Mittelalter hätte man ihn für besessen gehalten. Dabei ist er ein junger Mensch von 21 Jahren groß breit stark, rotbackig - äußerst klug, wahr selbstlos, zartfühlend.[44] 

 

Schnell beginnt Kafka nur noch Kontakt mit Robert Klopstock zu haben, der sich als Vermittler zwischen Kafka und den anderen Menschen in Matliary, als Gesprächspartner und Helfer in kleinen, pflegerischen Handreichungen bald unentbehrlich macht. Am 1. Mai schildert er Max Brod:

 

„Ich verkehre eigentlich nur mit dem Mediciner, alles andere ist nur nebenbei, will jemand etwas von mir, sagt er es dem Mediziner, will ich etwas von jemandem, sage ich es ihm auch.[45]

Klopstock ist eigentlich aus ähnlichen Gründen wie Kafka nach Matliary gekommen: Zur Bekämpfung seiner Tuberkulose und zur Überwindung einer aussichtslosen Liebesgeschichte. Er leidet sehr unter dieser unglücklichen Verliebtheit. Sein Leid ist ihm anzusehen, er trägt es nach außen, ist launisch und spricht offenbar auch viel darüber. Wie mag es Kafka dabei wohl ums Herz gewesen sein, angesichts seiner eigenen Traurigkeit und Verzweiflung über das Scheitern der Beziehung zu Milena Jesenská? Der Kafka-Biograf Reiner Stach bezeichnet Robert Klopstock als einen „zerrissenen, melancholischen Charakter, der heftigen psychischen Schwankungen ausgesetzt blieb und dessen widersprüchliche Erscheinung zeitlebens irritierte.[46] Robert Klopstock, der letzte Freund Kafkas, wird auch nach der gemeinsamen Zeit in Matliary, das er früher verlässt als Kafka, in engem Kontakt bleiben und wird ihn noch am Sterbebett betreuen. Denn Dora Diamant, die letzte Liebe Kafkas wird ihn um Hilfe bei der Pflege des Todkranken bitten. Interessant ist, dass die beiden bis zuletzt beim „Sie“ bleiben. Der ältere Kafka dürfte Klopstock wohl nie das vertrautere „Du“ angeboten haben.

 

Ottla Davidová bekommt Ende März ihr erstes Kind, Vera[47]. Kafka wird wieder Onkel und ist wohl auch etwas unsicher, wie das seine doch sehr enge Beziehung zu Ottla nun beeinflussen würde. Schon ihre Eheschließung hatte ihn etwas irritiert.

Als das erste Foto von Mutter und Kind eintrifft, schreibt er:

 

Vera habe ich gleich erkannt, Dich mit Mühe, nur Deinen Stolz habe ich gleich erkannt, meiner wäre noch größer, er gienge gar nicht auf die Karte. Ein offenes, ehrliches Gesicht scheint sie zu haben und es gibt glaube ich nichts Besseres auf der Welt als Offenheit, Ehrlichkeit und Verläßlichkeit[48]

 

Große Unruhe bereitet Kafka inzwischen ein Brief von Milena Jesenská, der Mitte April eintrifft. Milena schildert ihm darin wohl unter anderem, sie sei lungenkrank, werde nach Prag kommen, und suche ein Sanatorium. Nicht auszudenken, was es hieße, wenn sie in der Hohen Tatra auftauchte! Kafka sieht sich einer solchen Begegnung nicht im Geringsten gewachsen und informiert sofort seinen Freund Max Brod. Er bittet ihn, heraus zu finden, wohin Milena zu reisen gedenke. Käme sie in die Hohe Tatra, würde er sofort abreisen. Max Brod, zu dem Milena Jesenská, als sie gerade in Prag ist, wieder Kontakt aufnimmt, trifft sich mehrmals mit ihr und scheint sie übrigens in der persönlichen Begegnung nicht besonders sympathisch zu finden. Er kann Kafka schließlich Ende Mai, schlaflose Wochen später, via Telegramm beruhigen: Milena Jesenská würde in den Böhmerwald fahren und nicht in die Tatra[49].

 

Franz Kafka erholt sich nach dieser überstandenen Krise nun doch zunehmend. An Max Brod schreibt er vom „Außerhalb-der-Welt-Leben“, in das allerdings die Welt „grabschänderisch“ hereinstöre.[50] Dieses Hereinstören gilt zum einem der immer am Horizont stehenden Notwendigkeit zur Rückkehr nach Prag und in die Arbeiter-Unfall-Versicherung. Er verlängert im Mai den Urlaub abermals, wieder mit Hilfe seiner Schwester Ottla, bis Mitte August. Zum anderen erwähnt er in vielen Briefen an Ottla und Max Brod, immer wieder seine außerordentliche Empfindlichkeit gegen Lärm. An Max Brod schreibt er Ende Mai:

 

(…) Eine Kleinigkeit genügt, um mich in diesen Zustand zu bringen, es genügt, dass unter meinem Balkon mit dem mir zugekehrten Gesicht ein junger halbfrommer ungarischer Jude im Liegestuhl liegt, recht bequem gestreckt, die eine Hand über dem Kopf, die andere tief im Hosenschlitz und immer fröhlich den ganzen Tag Tempelmelodien brummt. (Was für ein Volk!) Es genügt irgendetwas derartiges, anderes kommt eiligst dazu, ich liege auf meinem Balkon wie in einer Trommel, auf die man oben und unten, aber auch von allen Seiten losschlägt, ich verliere den Glauben daran, dass es noch irgendwo auf der Oberfläche der Erde Ruhe gibt ich kann nicht wachen, nicht schlafen, selbst wenn einmal ausnahmsweise Ruhe ist, kann ich nicht mehr schlafen, weil ich zu sehr zerrüttet bin.[51]

 

Nach einer weiteren Verlängerung, die nun bis Mitte August geht, kann er sich voll und ganz seiner Erholung widmen. Der Biograf Reiner Stach nennt diesen Zustand als eine „wohltätige Regression“[52], bestimmt durch die Freuden der Einfalt und der Verantwortungslosigkeit, vermutet aber auch, Kafka könnte in diese Dämmerzustände vor der „allzu konkreten Gestalt der Krankheit“ [53] geflohen sein, die ihm, erstmals unter anderen Kranken, deutlich vor Augen kommt, die er aber auch im eigenen, schleichenden Verfall immer mehr Realität werden sieht.

Stunden-, tagelang auf einer Wiese im Wald oder auf seinem Balkon liegend, ergibt er sich der Naturbeobachtung, sieht den Wolken am Himmel zu, überlässt sich Tagträumen, hängt Erinnerungen nach und döst entspannt vor sich hin. Außer Briefen, die er oft erst über mehrere Tage fertig stellen kann, schreibt er in dieser Zeit nichts.

Er scheint sich so wohl zu fühlen, dass er mehrere Anläufe, doch das Sanatorium zu wechseln, aufgibt. Die Familie und Max Brod drängen ja immer auf einen Wechsel in eine professionellere Einrichtung. Stare Smokovec sieht er sich im Juni 21 immerhin an, danach schreibt er an Max Brod:

 

(…) es war dort mehr Lärm von Touristen und Zigeunermusik als hier, so bin ich also wieder hier geblieben, unbeweglich, wie wenn ich Wurzeln geschlagen hätte, was doch gewiß nicht geschehen ist.[54]

 

Schließlich schreibt er an Ottla:

  …ich wundere mich aber nicht darüber, so viel Ruhe, als ich brauche, gibt es auf der Welt nicht, woraus folgt, daß man soviel Ruhe nicht brauchen dürfte […] Jetzt z. B. es ist etwa 7 Uhr abend liege ich im Liegestuhl am Rand einer dreiwandigen Hütte mit 2 Decken Pelz und Polster, vor der Hütte ist eine Waldwiese, groß etwa wie ein 1/3 des Zürauer Ringplatzes, ganz gelb, weiß, lila von bekannten und unbekannten Blumen, ringsherum alter Fichtenwald, hinter der Hütte rauscht der Bach. Hier liege ich schon 5 Stunden, heute ein wenig gestört, gestern und vorgestern ganz allein nur mit der Milchflasche neben mir. Dafür muß man doch dankbar sein und ich verschweige heute Dinge für die man nicht dankbar sein muß. Übrigens, wenn jeder Nachmittag so wäre und die Welt mich hier ließe, ich bliebe hier solange, bis man mich mit dem Liegestuhl forttragen müßte.[55]

 

Max Brod bleibt in dieser Zeit letztlich der einzige, der Kafkas Beschwichtigungen nicht glaubt und immer wieder vergeblich fordert, er müsse sich in Spezialistenhände begeben und endlich ernsthaft gegen die Tuberkulose kämpfen.

 

Tatsächlich bessert sich schon im April die Symptomatik, er ist nahezu fieberfrei, der Husten und die Atemnot lassen nach. Diesmal weiß Kafka aber, dass gänzliche Gesundung nahezu unmöglich ist. Sein Zustand im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist deutlich schlechter. An Max Brod schreibt er:

 

Hätte ich 3 Wünsche frei, würde ich mir unter Vernachlässigung der dunklen Begierden wünschen: annähernde Gesundung (die Ärzte versprechen sie, aber ich merke nichts von ihr, wie oft ich auch in den letzten Jahren zur Kur hinausgefahren bin, immer war mir weit besser als jetzt nach mehr als 3 Monaten Kur und was im Laufe der drei Monate sich gebessert hat ist gewiss mehr das Wetter als die Lunge, allerdings, das ist nicht zu vergessen, meine früher über den ganzen Körper vagierende Hypochondrie sitzt jetzt versammelt in der Lunge) dann ein fremdes südliches Land […] und ein kleines Handwerk. Das heißt noch nicht viel gewünscht, nicht einmal Frau und Kinder sind darunter.[56]

 

Franz Kafka hat in Matliary Erholung gefunden, aber nicht Genesung.

Nach einer weiteren krankheitsbedingten Verzögerung, fährt Kafka endlich am 26. August allein nach Prag zurück (Hilfe, bzw. Begleitung hatte er abgelehnt). Im überfüllten Zug muss er zunächst stehen. Nur durch eine glückliche Fügung gibt es doch noch einen Sitzplatz für ihn. Wie er in Prag empfangen wird, wissen wir nicht.

Er sieht wohl erholt aus, hat acht Kilo zugenommen, aber er hustet und fiebert immer wieder. Wie schon nach den letzten, längeren Kuraufenthalten nimmt er sein gewohntes Prager Leben wieder auf. Soweit es seine Gesundheit erlaubt, besucht er auch Veranstaltungen, zum Beispiel einen Rezitationsabend von Ludwig Hardt, der auch Texte Kafkas im Programm hat. Kafka ist beeindruckt: „Nehmen Sie den Dank für die Stunden des Herzklopfens, der Freude, der Ehrfurcht“, schreibt er dem Rezitator danach, in freudiger Erregung. [57] Oft muss er aber bei schlechtem Wetter zuhause bleiben oder sogar mit Fieber das Bett hüten.

Ab Anfang Oktober besucht ihn Milena Jesenská mehrmals, erstaunlicher Weise kann er das jetzt zulassen, und er übergibt ihr seine vollständigen Tagebücher[58]. Von nun an beginnt er auch wieder Tagebuch zu führen.

Seine Familie nötigt ihn am 17. Oktober nochmals zu einem Spezialisten zu gehen, Dr. Otto Hermann, der den bisher genauesten und aber auch ungünstigsten Befund erstellt und dringend zu ernsthafter Behandlung und Kuraufenthalt anhält[59].

 

Am nächsten Tag notiert Kafka ins Tagebuch:

 Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.[60]

 Den Eindruck der schwer kranken Menschen, die er in Matliary sah, wird er nie mehr vergessen. Wahrscheinlich im Herbst 1921 schreibt er einen an Max Brod adressierten Zettel, der sich nach seinem Tod bei seinen Unterlagen auf dem Schreibtisch findet:

Liebster Max, meine letzte Bitte: alles was sich in meinem Nachlaß (also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause und im Bureau, oder wohin sonst irgendetwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuscripten, Briefen, fremden und eigenen, Gezeichnetem u.s.w. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.

Dein Franz Kafka[61] 

Franz Kafka stirbt etwa zweieinhalb Jahre später, am 3. Juni 1924, in Kierling (Klosterneuburg) bei Wien an einer Kehlkopftuberkulose. Bei ihm sind Dora Diamant, seine letzte Gefährtin und Robert Klopstock, den er in Matliary kennen gelernt hat.[62]

Verwendete Literatur:

Kafka, Franz: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit. Herausgegeben von Erich Heller und Jürgen Born. Fischer TB Verlag, Frankfurt a.M., 11. Auflage, April 2009

Kafka, Franz: Briefe an Milena, Erweiterte Neuausgabe. Herausgegeben von Jürgen Born und Michael Müller, Fischer TB Verlag, Frankfurt a.M., 1995

Kafka, Franz: Briefe an Ottla und die Familie. Herausgegeben von Hartmut Binder und Klaus Wagenbach, Fischer TB Verlag, Frankfurt a.M., 2011

Kafka, Franz: Tagebücher 1914-1923. In der Fassung der Handschrift. Fischer TB Verlag, Frankfurt a.M., 2008

Kilcher, Andreas (Hrsg.): Franz Kafka – Die Zeichnungen. Verlag C.H. Beck oHG, München, 2021

Micklitza, André: Slowakei. Michael Müller Verlag, Erlangen 2019

Pasley, Malcolm (Hrsg.): Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft. Briefwechsel. Herausgegeben von. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1989

Stach Reiner: Kafka – Die Jahre der Entscheidungen. Fischer TB Verlag 2004

Stach, Reiner: Kafka – Die Jahre der Erkenntnis. Fischer TB Verlag, Frankfurt a.M., 2011

Stach, Reiner: Kafka – Die frühen Jahre. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2014

Wagenbach, Klaus: Franz Kafka. Rowohlt Monografie, überarbeitete Neuausgabe in 3. Auflage, 2008

© Charlotte Aigner Juni 2022


[1] Dieser erweiterte Text entstand auf der Grundlage von drei Vorträgen in Tatrá Lomnice, Poprad und Bratislava, Slowakei, am 2., 3. Und 6. Juni 2022

[2] André Micklitza: Slowakei, 234

[3] Klaus Wagenbach: Franz Kafka, 158

[4] Reiner Stach: Kafka – Die frühen Jahre, 58f

[5] Ebd., 59

[6] Klaus Wagenbach; Franz Kafka, 39

[7] Reiner Stach: Kafka – Die frühen Jahre, 219

[8] Andreas Kilcher: Zeichnen und Schreiben bei Kafka, in Franz Kafka: Die Zeichnungen, 211 - 276

[9] Klaus Wagenbach, 158

[10] Ebd., 160

[11] Ebd., 158

[12] Franz Kafka an Felice Bauer, 14.8.1913 in Franz Kafka: Briefe an Felice, 444

[13] Reiner Stach: Kafka – Jahre der Entscheidungen, 87

[14] Franz Kafka: Brief an den Vater, 191

[15] Klaus Wagenbach: Franz Kafka, 120

[16] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 277ff

[17] Ebd., 321

[18] Im Folgenden wird der Ehename Milenas, Pollak, nicht verwendet, sondern stets ihr Mädchenname, Jesenská, da man sie eher unter diesem Namen kennt.

[19] Ebd., 423

[20] Franz Kafka an Ottla Davidová, ca. 21.12.1920, in Franz Kafka: Briefe an Ottla und die Familie, 95

[21] Ebd.

[22] Ebd., 97

[23] Ebd.

[24] Reiner Stach: Kafka – Die Jahre der Erkenntnis, 413ff

[25] Franz Kafka an Milena Jesenská, November 1920; in Franz Kafka: Briefe an Milena, 299

[26] Franz Kafka an Milena Jesenská, November 1920; in Franz Kafka: Briefe an Milena, 301 (Unterstreichung im Original)

[27] Milena Jesenská an Max Brod, Anfang Januar 1921, ebd. 367f

[28] Malcolm Pasley: Nachwort in: Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 519

[29] Milena Jesenská an Max Brod, 27.7.24, in Franz Kafka: Briefe an Milena, 377

[30] Malcolm Pasley (Hg.): Nachwort in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 519ff

[31] Ebd., 520

[32] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 418f.

[33] Franz Kaka an Max Brod, 31.12.1920, in: Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 288

[34] Max Brod an Franz Kafka, 6. 1.192, ebd., 293

[35] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 423

[36] Franz Kafka an Max Brod, Ende Januar 1921, in: Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 307f.

[37] Hyperakusis: krankhafte Empfindlichkeit gegenüber lautem Schall trotz Vorhandensein einer normalen oder annähernd normalen Hörschwelle. Patienten empfinden oft sogar Geräusche geringer Lautstärke als unerträglich laut. Aus https://de.wikipedia.org/wiki/Hyperakusis, 31.05.2022

(ICD-10 H 93.2: Sonstige abnorme Hörempfindungen, inkl. Hyperakusis)

[38] Franz Kafka an Max Brod, 13.1.1921, ebd., 296

[39] Franz Kafka an Ottla Davidová, 3. Januarwoche 1921, in Franz Kafka - Briefe an Ottla und die Familie, 101

[40] Franz Kafka an Josef David (aus der Übersetzung ins Deutsche), 4. Januarwoche 1921, in Franz Kafka - Briefe an Ottla und die Familie, 103

[41] Franz Kafka an Max Brod, Anfang Februar 1921 in: Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 315

[42] Franz Kafka an Ottla Davidová, 10.Februar 1921 in: Franz Kafka - Briefe an Ottla und die Familie, 108

[43] Franz Kafka an Max Brod, Ende April 1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 339

[44] Franz Kafka an Ottla Davidová, 16. März 1921 in Franz Kafka - Briefe an Ottla und die Familie, 115

[45] Franz Kafka an Max Brod, 1. Mai 1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 343

[46] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 429.

[47] Am 27.3.1921, siehe hierzu Reiner Stach: Jahre der Erkenntnis, 434

[48] Franz Kafka an Ottla Davidová, 8.8.21 in: Franz Kafka - Briefe an Ottla und die Familie, 130

[49] Max Brod an Franz Kafka, 31.5.1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 354

[50] Franz Kafka an Max, Ende Mai 1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 351

[51] Franz Kafka an Max Brod, Ende Mai 1921, ebd.

[52] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 432

[53] Ebd., 433

[54] Franz Kafka an Max Brod, Juni 1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 358

[55] Franz Kafka an Ottla Davidová, Anfang/Mitte Juni 1921 in: Franz Kafka - Briefe an Ottla und die Familie, 126

[56] Franz Kafka an Max Brod, Anfang April 1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 333f.

[57] Reiner Stach. Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 440

[58] Franz Kafka: Tagebuch vom 15.10.21 in Franz Kafka: Tagebücher 1914-1923, 187

[59] Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, 452

[60] Franz Kafka: Tagebuch vom 18.10.21 in Franz Kafka: Tagebücher 1914-1923, 189f

[61] Franz Kafka: Zettel an Max Brod, wahrscheinlich Herbst/Winter 1921 in Max Brod Franz Kafka – Eine Freundschaft, 365

[62] Klaus Wagenbach: Franz Kafka, 160

 
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