Poesie und Therapie

 

Gerade jetzt, wo die Sprache der Akademisierung uns in ihre Begrifflichkeit locken, heben, zwingen? - so klar ist das ja noch nicht - möchte, frage ich mich, ob denn Psychotherapie, um der Sache willen, nicht eigentlich besser beraten wäre, wenn sie mehr auf die Poesie achtete?

Die letzte Woche verbrachte ich in Köln auf der Poetica10[1] wo zahlreiche Dichter und Dichterinnen aus der ganzen Welt zusammengekommen waren, um über die Poesie als Akt der Gastfreundschaft, der neue Räume und Möglichkeiten zu denken eröffnen kann, miteinander ins Gespräch zu kommen. 

Hierbei zeigte sich einmal mehr, die Poesie eröffnet uns etwas Neues, kann aus dem „wilden Außen“, wie es Michel Foucault[2] nannte, etwas zu uns in die gemeinsame Welt vermittels Sprache hereinholen. Das Gedicht kann etwas so sagen, wie es nie zuvor gesagt worden ist und damit Welt verändern. Zur Sprache kommen bedeutet für uns auch zur Welt kommen[3], in unserem Wesen sichtbar und verstehbar werden. Das Wort liegt offen auf, es erscheint, es ist da. Dichtung heißt auch Verdichtung, hier ist das Wort auf der Goldwaage, so kostbar, weil wahr. 

Der Ort, wo sich das Dichten mit dem Sprechen und Schweigen in der Psychotherapie berührt, liegt hier. In beiden Seinsweisen ereignet sich, geschieht Wahrheit und das durch Sprache. So kann sich die Psychotherapie von der Dichtung ansprechen, inspirieren lassen, sich dem noch mehr öffnen, was Sprache vermag. Auf unseren Behandlungscouches kommen die Menschen, die sich uns anvertrauen, zur Sprache, lassen die bisherige Seinsweise fraglich werden, folgen der Spur des Eigentlichen, wenn sich inmitten des Abberichtens von Alltäglichem etwas Wahres zeigt. Zur Sprache kommen, zur eigenen Sprache finden, darum geht es. Von den dichtenden Menschen können wir das lernen. Wie die Psychotherapie führt auch die Dichtung aus einer Verengung der Sprachräume heraus, befreit uns, speist sich aus dem Verborgenen, das uns alle trägt. 

Dies meint nicht nur die Lesenden oder die Patientinnen und Patienten, sondern auch uns Therapierende, die wir uns ansprechen lassen, offen sind, für das, was sich zeigt. Wir lassen uns ein auf die Welt der Person, die bei uns in Behandlung ist, sind mit ihr gemeinsam bei deren Sache. Dabei mag sich immer wieder, was wir zu hören bekommen, nicht von vorn herein erschließen, es mag befremdlich bleiben, unverständlich sogar vielleicht. Aber, gerade dort, wo sich das Einzigartige zeigt, ergibt sich die Nähe des Ausgesprochenen zur Dichtung, hier geht es wie beim Lesen von Poesie um Toleranz, das Anwesend-sein-lassen dessen, was uns zuerst unzugänglich erscheint[4]. Im Hören auf das Gesagte eröffnet sich ein Raum, wird Zeit gegeben. Es darf verweilen. Wir wollen es nicht gleichmachen und in die Eindeutigkeit überführen, sondern das, was sich zeigt, von sich selbst her sehen lassen. Denn „Wenn Worte Atem sind und Atem Leben ist“[5], wie Shakespeare seinen Hamlet sagen lässt, zeigt sich Sprache als lebendiges Ereignis sowohl in der Dichtung als auch in der Psychotherapie und das in ausgezeichneter Weise, sie fordert uns heraus, braucht uns, denn ohne unser Antworten verklänge der Anspruch ungehört. Ich möchte meine Gedanken mit einem Zitat der deutschen Dichterin Monika Rinck[6] aus dem Text Das Gedicht ist da schließen: 

 

„Dann zeigt das Gedicht, dass der Geist, wie der Atem, mit dem der Geistbegriff etymologisch in Verbindung steht, innen und außen ist. Etwas anders sagen, im Sinne der Freiheit, die Ihnen gegeben ist. Dann ist es der Schauer der Neubeschreibung, der Sie Abstand nehmen lässt von Vorurteilen und Zuschreibungen, vom einfachsten Weg – und Sie dazu führen kann, inmitten von Unsicherheiten mit anderen besser zu denken.“[7]

 

 


[1] Poetica10, Thinking and Hospitality – Freiräume der Poesie, Festival für Weltliteratur, Köln, 20.-25.1.2025; Kurationsteam: Uljana Wolf, Günter Blamberger, Michaela Predeick. www.poetica.uni-koeln.de

[2] Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses, Fischer TB 1991

[3] Peter Sloterdijk: Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen. Frankfurter Vorlesungen, Suhrkamp 1988

[4] Monika Rinck: Das Gedicht ist da. In Poetica10, Poetic Thinking and Hospitality – Freiräume der Poesie. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2025, S 121-127, S. 125

[5] William Shakespeare: Hamlet – Prinz von Dänemark, Ph. Reclam jun., Stuttgart 2001, S.8

[6] Monika Rinck: Höllenfahrt und Entenstaat - Gedichte, Kookbooks Berlin, Reihe Lyrik Band 89, 2024

[7] Monika Rinck: Das Gedicht ist da. In Poetica10, Poetic Thinking and Hospitality – Freiräume der Poesie. 

  Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2025, S 121-127

Dieser Text stammt aus dem Newsletter des Österreichischen Daseinsanalytischen Instituts (www.daseinsanalyse.at) vom 1.Februar 2025

*Bildnachweis: Grab des Heinreich von Kleist und der Henriette Vogel in Berlin, 2013 © Charlotte Aigner

 
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