Wenn Worte Atem sind und Atem Leben ist ...

 

Ein Plädoyer für das Wort Seele in der Daseinsanalyse.

Festtagung ÖDAI – 25./26.Juni 2015

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen der Daseinsanalyse,

ich bedanke mich für die schöne und ehrenhafte Gelegenheit an dieser Stelle zu einem so wichtigen Thema sprechen zu dürfen: Die Spannweite der Seele. Wir denken hier vielleicht als erstes, so ist es jedenfalls mir ergangen, an Josef von Eichendorffs berühmtes romantisches Gedicht Mondnacht, dessen letzte Strophe lautet:

Und meine Seele spannte,

weit ihre Flügel aus,

flog durch die stillen Lande,

als flöge sie nach Haus.[1] 

Aber auch eine andere Nacht und ein anderer Flug kamen mir in den Sinn. Silvia Plath dichtete in der Zeit vor ihrem Freitod:

Ich bin bewohnt von einem Schrei.

Nachts flattert er aus

Und sieht sich, mit seinen Haken,

um nach etwas zum Lieben.[2]

Das sind zwei ganz verschiedene Arten in der Nacht auszufliegen - eine weitet mir das Herz, die andere zieht es mir zusammen. Die Spannweite der Seele. Getreu meiner Absicht, darzulegen welch’ ausgezeichneten Bezug das gedichtete Wort zum Sein bedeutet und heute, im Speziellen, dem Wort Seele und seinen Widerklängen im daseinsanalytischen Menschenbild nachzuspüren, möchte ich schon jetzt behaupten,  S e e l e  ist mitnichten ein leeres Wort. Leer wäre es dann, wenn es, ohne Bezug zu seinem ereignishaften Ursprung, nur vorhanden wäre. Das gilt tatsächlich für den Begriff Seele im wissenschaftlichen Diskurs, welcher in seiner besonderen Hinsicht diese Herkunft nicht mehr vernimmt. Die Dichtung aber führt uns in ausgezeichneter Weise an den Ursprung des redenden Seins[3] und wir tun gut daran, auf sie zu hören. Denn niemals schenkt die Dichtung ein  l e e r e s  Wort.

Der Titel meines Vortrages „Wenn Worte Atem sind und Atem Leben ist...“ stammt aus William Shakespeares vielleicht berühmtesten Theaterstück: Hamlet – Prinz von Dänemark. Hamlets Mutter, Gertrud, sagt in der 4. Szene des 3. Aktes diese Worte zu ihm, nachdem er gerade Polonius, der sich als Lauscher hinter der Tapete versteckt hatte, erstochen und der Mutter seinen tiefen Ekel über ihre Verhaltensweise nach dem Tode des Vaters ins Gesicht geschleudert hat. Vor dieser Wahrheit, aber auch dem Wüten des Sohnes, erzittert die Mutter und schluchzt auf:

O Hamlet, du zerspaltest mir das Herz!

Und schließlich, sagt sie:

 Sei du gewiss: Wenn Worte Atem sind/ und Atem Leben ist, dann hab ich kein Leben um auszuatmen, was du mir eben gesagt.[4]

 In diesen wenigen Worten geben uns die Dichter William Shakespeare und der eingangs zitierte Josef von Eichendorff, sowie die Dichterin Silvia Plath, eine Welt zu verstehen, die den Bedeutungshorizont des Wortes  S e e l e  anklingen lässt. Sie eröffnen einen Raum, ohne ihn zu begrenzen: Darunter sind Ausdrücke wie: Flügel, Stille, Nacht, Weite, nach Haus, das Innere, Herz, Wort, Atem, Leben. Leben! Das meint Ek-sistieren! Das Sein des Da. Ich halte diese Worte fürs erste in meiner Hut. Allesamt werden sie in den verschiedenen Ausführungen meines Vortrags auf die ein oder andere Weise wieder zur Sprache kommen.

Was hat es also auf sich, mit diesem Wort  S e e l e? Warum verwenden wir Daseinsanalytiker, die doch um das ausgezeichnete Verhältnis nicht nur der Denker sondern auch der Dichter zu Sprache wissen, es so spärlich, wo es doch die Sprachkunst in so ungeheurem Reichtum ins Erscheinen bringt?  Medard Boss, immerhin, nannte eine 1982 veröffentlichte Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen: „Von der Spannweite der Seele“[5]. Dieses Buch gibt unserer Festtagung den Titel und lässt so auch den für uns so wichtigen Gründer der Daseinsanalyse in dieser besonderen Stunde bei uns sein.

 Wieder ist es jedoch ein Dichter, mit dem ich nun beginne, mich auf die Anfänge der abendländischen Kultur, zur frühen griechischen Antike zurück beziehe: Homer. Das Wort „psyché“ taucht erstmals in seinen, zunächst mündlich überlieferten Dichtungen „Illias“ und „Odyssee“ auf. Dort bedeutet es Atem, Hauch, Leben. Sehr interessant ist, wie Homer das Wort einsetzt:

Bei ihm ist „psyché“ etwas, was sich nur in besonderen Fällen, ausdrücklich zeigt oder angesprochen wird. Es ist der Quell des Lebens, die Lebendigkeit eines Menschen, welche sich im Hauch des Atems ausdrückt und den Menschen im Tode verlässt – er haucht das Leben aus. Bei Homer hat das Wort „psyché“ noch keine wie auch immer geartete psychologische Konnotation.[6]

 Medard Boss nimmt diese frühe Bedeutung des Wortes psyché in der Einleitung seines Buches wieder auf,  bezieht sich dabei vor allem auf Heraklit. Zuvor aber führt er noch, auf Aristoteles Bezug nehmend, aus, dass unter „anima“ kein Gegenstand und keine Substanz – auch keine noch so feinstoffliche verstanden werden dürfe. Anima sei nicht irgendein an und für sich Vorkommendes, sondern gemeint sei immer die „Seinsart von etwas, die Seinsart nämlich des Lebendigen im Gegensatz zur Seinsart des Unlebendigen“. Was ist nun diese Seinsart des Lebendigen? Boss geht nun noch weiter in der Geistesgeschichte zurück, nämlich zu Heraklit und führt aus: „Psyché war im Volkstümlichen schon zu Zeiten Heraklits der Name für Hauch und Atem. Doch dieser große Denker schränkt seine Bedeutung nicht auf das Einatmen von Luft durch Mund, Luftröhre und Lungen ein, „Psyché“ als Ausholen- und Einholen ist für ihn in grundlegender Weise das Ein- und Ausholen der Bedeutsamkeiten des Begegnenden, aus welchem Aus- und Einholen des Menschenwesens besteht. In dieser Sicht ist der ganze Mensch seiner Grundnatur nach „Psyché“ in dem Sinne, das er ek-sistiert im wörtlichsten Sinne dieses Namens (...) Bei einem solch ausholenden und einholenden Wesen kann freilich zu Recht von dessen Spannweite gesprochen werden.“ [7]

Die Daseinsanalyse setzt also das seins-vernehmende Wesen des Menschen und Seele gleich, verwendet dafür aber eher das Wort Ek-sistenz. Die Spannweite des menschlichen Wesens, welches die Welt umfasst, besser gesagt, die Welt aufgehen lässt, die besondere Weise des offenständigen Anwesens, des Vernehmens als Sein des Da ist das Spezifikum des menschlichen Lebendig-seins, und das meint die Seele. Auch bei Aristoteles findet sich dieser Gedanke, wenn er die menschliche Seele als in gewisser Weise alles Seiende bezeichnet. Das Besondere des menschlichen Lebendig-seins als Lebewesen, also als beseeltes Seiendes, ist der Bezug auf das All, auf das Seiende im Ganzen.

Den vielfältigen Bedeutungen und Konnotationen, welche das Wort Seele in der abendländischen Geschichte durchlaufen hat, widme ich mich heute nicht, denn es würde bei weitem den Rahmen sprengen. Bei Heidegger tritt denn auch an die Stelle der traditionellen Psyche das Dasein als In-der-Welt-sein. Daraus eröffnen sich andere Blickmöglichkeiten auf die Wesensvollzüge des Menschen, die Existenzialien. Statt eines Leib-Seele-Dualismus wie bei Descartes sprechen wir zum Beispiel von der Leiblichkeit des Daseins und statt der Emotionen als seelischer Zustände, gehen wir vom Weltbezug des Menschen in der Befindlichkeit aus. In der Befindlichkeit erfährt der Mensch die Weise wie er für die Welt offen ist. Die Stimmung ist nicht etwas, das im Menschen entsteht, sondern der Mensch ist immer schon ge- und durchstimmt von Welt, er ist in ganz bestimmter Weise angesprochen und in der Welt bei den Dingen. Der Mensch steht mit seinem Wesen in die ganze Offenheit des Seins hinaus, steht diese Offenheit aus, in dem er sie  i s t . Das ist die Bedeutung des Wortes „ek-sistere“. Auch wenn wir für das Ganze offen sind, können wir es doch nie restlos begreifen. Wir können diese unbegreifliche Weite also niemals fassen, aber wir können sie spüren. Und diese unbegreifliche Weite umfasst auch uns selbst, denn wir sind diese Weite, die Spannweite der Seele. In dieser Weite verstattet sich das Da eine Stätte, verortet als Geworfenes, eröffnet sich als Erscheinungsstätte, spannt sich aus. Die Geworfenheit ist der erste Grundzug der Befindlichkeit. Die Geworfenheit meint: ich befinde mich immer schon in einer Welt als ein Wesen, das mit anderen, gestimmt, durchstimmt offen ist für das Sich-Zeigende der Welt. Diese Offenheit im Sinne der Erschlossenheit ist der zweite Grundzug der Befindlichkeit. Wesensmäßig gestimmt ist der Mensch offen für das, was ihn aus der Welt anspricht. Die Stimmungen erschließen den Bereich für solche Begegnung. Der Mensch ist auf das Sich-Zeigende angewiesen, das heißt, er macht es nicht, sondern es schenkt, es schickt sich, es trägt sich zu, es geschieht. Diese Angewiesenheit auf Welt ist der dritte Grundzug der Befindlichkeit. Sie begründet den Wesenscharakter der Stimmung tiefer.[8] Der Mensch ist nicht nur in der Welt, er ist selbst eine Welt, ein Universum aus Anklang und Widerhall. Wir verhalten uns aus dem Sein zum Sein, wir stehen nicht einer Welt gegenüber, sondern sind durchdrungen, stehen inne. Wir spüren, erfahren, sind bezogen, sind verbunden, berühren und werden berührt. Wir sind angegangen, wir sind gemeint und gebraucht. Den Wirkungsbereich dieses Geschenkes des Seins umfasst die Seele, dieses Berührt-sein, dieses Bejaht-sein vom Ganzen. Heidegger schreibt in Identität und Differenz: Was könnte uns näher sein als das, was uns dem nähert, dem wir gehören? Das Er-eignis. Das Ereignis ist der in sich schwingende Bereich durch den Mensch und Sein einander in ihrem Wesen erreichen.[9] Und es bleibt ein Wunder, dass überhaupt etwas ist! Angesprochen sein – Entsprechen, das ist eine Wesensbewegung des Menschen, eine ein- und ausholende Atembewegung, ein Vollzug, Pulsieren, Lebendigkeit, Er-eignis.

 „Meine Seele sei weit, sei weit, daß dir das Leben gelinge“[10] 

Dies sind Rilkes Worte. Wir hören sie, entsprechen, indem wir verstehen. Die Weite spricht uns an, langt nach uns, erfasst uns. Beinahe spüren wir, wie sich unser Leib dehnt, ausspannt, wir holen tief Luft. Wir sind berührt und wir werden selbst für einen Moment zu dieser Weite.

„Meine Seele sei weit, sei weit, daß dir das Leben gelinge.“[11]

Das dichterische Bild, die dichtende Erfahrung mit dem Wesen der Sprache setzt ins Wort, was sich vom Ursprung her zuspricht. Das dichterische Bild versetzt uns an den Ur-sprung des redenden Seins.[12] Vergessen wir nicht, dass es hier um einen Sprung geht, eine Kluft gilt es zu überwinden. In diesem Sprung schwingt das Wesen dessen, was als Sprache spricht. Diesen Sprung braucht es, wenn das Zusammengehören von Mensch und Sein in das Wesenslicht des Ereignisses gelangen soll.[13]  Und doch bleibt es rätselhaft. Im Ursprung er-eignet sich ständig das Wechselspiel von Entbergung und Verbergung, je näher wir dem Geheimnis kommen wollen, desto mehr entzieht es sich. Es schenkt und entzieht sich gleichermaßen und wir gelangen in den Zug, sind am Zug. All dies sind Bilder in denen sich eine atmende Bewegung ausspricht, Atem-zug, Einholen, Ausholen, Anspruch, Entsprechung, Die Gegenwendigkeit des Ereignisses. Fast lässt uns dieses Bild den Lebensfunken sehen. Rilke prägte das Wort Weltinnenraum[14], dem der Dichter inne steht, in dem und aus dem heraus alle Dichtung sich zuspricht, in dem sich Außen- und Innenwelt verbinden. In einem späten Gedichtentwurf von 1922 finden sich folgende Zeilen, die dem Ereignisdenken Heideggers voraus gedichtet zu sein scheinen:

Solange du Selbstgeworfenes fängst, ist alles 

Geschicklichkeit und lässlicher Gewinn - ;

Erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles, 

den eine ewige Mitspielerin 

dir zuwarf, deiner Mitte, in genau 

gekonntem Schwung, in einem jener Bögen 

aus Gottes großem Brückenbau:

Dann erst ist Fangenkönnen ein Vermögen. –

Nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar 

zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,

nein Wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest

und schon geworfen h ä t t e s t ,... wie das Jahr

die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,

die eine ältre einer jungen Wärme

herüberschleudert über Meere - , erst 

in diesem Wagnis spielst du gültig mit....[15]

Rilke schildert hier, was wir das Ereignis nennen in dichterischer Sprache, im dichterischen Bild. Ereignender Zuwurf einer „ewigen Mitspielerin“ und ereignender Rückwurf. Ich zögere Rilkes Worte weiter auszulegen, denn sie brauchen meine Auslegung nicht. Sie stehen für sich. Ich möchte jedes Gedicht in seiner Sprache zu mir sprechen lassen, in der jeweils unantastbaren Versammlung dessen, was sich zeigt. So möchte ich es aufnehmen und achten. Kein weiteres Wort ist nötig! Das denkende Sein kann jedoch vom dichtenden lernen, sich ansprechen, sich mitnehmen lassen. Die zarte, aber helle Differenz zwischen dem Wesen der Dichtung und dem Wesen des Denkens bleibt bestehen.[16] Indem wir die ins Wort gefasste Wahrheit des Gedichtes aus der Tiefe her zu uns sprechen lassen, gelangen wir selbst in diesem Angesprochen sein und dem darin vollzogenen Entsprechen in die Tiefe. Das Verstehen ist unmittelbar. Dazu braucht es keine explizite Auslegung. Ich denke sogar, die Auslegung kann das, was uns das Gedicht sagt, verstellen, ist oft ein Akt der Bändigung, der Bewältigung, ein Versuch der Überwältigung. Wir möchten doch stets so gerne das Ungeheure ins Geheure hinein zähmen, freundlich, durch Überredung oder weniger freundlich, mit Gewalt. Dann würden wir vielleicht besser, beruhigter schlafen, glauben wir... wären da nicht die Träume! Denn nachts wird es nach innen hell, und die Seele schläft niemals –  niemals, solange wir leben. 

In Heideggers „Der Ursprung des Kunstwerkes“ lesen wir: Das Ins-Werk-Setzen der Wahrheit stößt das Un-geheure auf und stößt zugleich das Geheure und das, was man dafür hält, um. Die im Werk sich eröffnende Wahrheit ist aus dem Bisherigen nie zu belegen und abzuleiten.“[17] Das Gedicht bietet die Möglichkeit in den Abgrund zu blicken, es reißt uns aus dem Gewöhnlichen, wenn wir es zulassen, in diesen Abgrund, in den abgründigen Grund. Es ist der Abgrund, in dem wir gründen, der unverfügbar ist, der Quellgrund, aus dem heraus wir erfahren, dass wir uns selbst gegeben, uns selbst geschenkt sind, dass uns das Leben gegeben ist. Das gilt sowohl, allerdings ursprünglicher, für das Schreiben, aber natürlich auch für das Rezipieren eines Gedichtes. Zur Sprache kommen heißt, zur Welt kommen. In einem anderen Gedicht, mit dem Titel „Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen“ wird Rilkes Verständnis des dichterischen In-der-Welt-seins, des im Weltinnenraum-seins, noch deutlicher. Ich möchte es daher im Ganzen zu Ihnen sprechen lassen:

Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,
aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!
Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,
entschließt im künftigen sich zum Geschenk.

Wer rechnet unseren Ertrag? Wer trennt
uns von den alten, den vergangnen Jahren?
Was haben wir seit Anbeginn erfahren,
als dass sich eins im anderen erkennt?

Als dass an uns Gleichgültiges erwarmt?
O Haus, o Wiesenhang, o Abendlicht,
auf einmal bringst du's beinah zum Gesicht
und stehst an uns, umarmend und umarmt.

Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.[18]

Zur Fühlung, dies meint nichts anderes als das Vernehmen, das Spüren, welches in der Befindlichkeit vielleicht am grundlegendsten aufgehoben ist. Das Spüren befindet sich auf einer Spur. Eine Spur ist ein Hinweis, ein Verweis auf etwas anderes. Aber in dem Verbum „Spüren“ steckt auch ein Ankommen-lassen und Verstehen von Etwas. Spüren heißt empfinden, fühlen, ahnen, vernehmen. Der Spürende ist auf den Zuspruch der Spur angewiesen. Der Spürende vertraut sich der Spur an, er lässt zu, dass sie ihn führt. Die Seele folgt der Spur des Seins.[19] Diese Ansprechbarkeit, ihr Vollzug im Entsprechen, das ist das Lebendige am Menschen. Bei den seelischen Erkrankungen, wir verstehen nun vielleicht, dass sie völlig zu Recht so heißen, ist diese unmittelbare Erfahrung der Seele, diese „Fühlung“ betroffen. Es handelt sich ja nach daseinsanalytischem Krankheitsverständnis um Einschränkungen des freien Vollzugs von Weltbezügen, die per se jedem Dasein eignen, aber in der Jemeinigkeit je eigens vollzogen werden wollen. Jeder Mensch hat seine ureigenen Wesensmöglichkeiten und ist im Gewissensruf, dem Geläut der Stille zum eigentlichen Sein, zur Freiheit aufgerufen. „Ich spüre mich nicht mehr“, sagen die Klienten, „Ich weiß nicht, wer ich bin, ich habe mein Ich verloren“, noch schlimmer, „Ich spüre nichts, ich bin im „standby-Zustand“.

Die ein- und ausholende Bewegung des Daseins ist in der psychischen Erkrankung gestört. Die Seele, die ihre Flügel spannen wollte, leidet, denn die Flügel sind verkümmert, beschnitten, gelähmt oder haben sich überhaupt noch nicht entwickeln, noch nicht entfalten können. Das geht oft leiblich einher mit einem nicht mehr frei atmen Können. Der Atem ist flach, verlangsamt, zum Beispiel in mancher Depression. Auch das Herz, das Organ, was vielleicht am meisten für das Lebendige steht, schlägt langsam oder gerät unter Druck, kann sich nicht mehr entspannen oder muss sich ungeheuer anstrengen, flattert. Wir sagen: das Herz ist mir schwer oder mir ist eng ums Herz oder mir bricht das Herz. In einem weitern Phänomen, der Panikattacke, sind hauptsächlich die Atmung und der Herzschlag die leiblichen Austragungsorte von Überforderung, Panik und Enge. Es kommt zu Atemnot und Herzrasen, Enge-Gefühl in der Brust. Herzschlag, Puls, Atem sind die zentralen Orte der Lebendigkeit. Das Blut, in alter Sprache der Lebenssaft, das Blut wird im Knochenmark gebildet. Wir sagen bis ins Mark. Etwas trifft uns bis ins Mark, wir sagen damit, es trifft uns im Innersten, im Kern unseres Wesens. Wir meinen: das hat mich zutiefst getroffen. Wenn wir sagen, bis ins Mark oder bis aufs Blut, braucht es das ergänzende Adjektiv „tief“ nicht mehr, denn tiefer als ins Mark und bis aufs Blut kann es nicht gehen.

Ein 59- jähriger alleinstehender Gastwirt beispielsweise, der seit Jahrzehnten ohne Ruhetage und kaum je ohne Urlaub ganz und gar und immer mehr für seine Arbeit gelebt hat, erkrankt an einer Aplastischen Anämie. Das ist eine seltene Autoimmunerkrankung des Blutes, welche sich darin äußert, dass die Knochenmarksdichte verringert wird: es kann keine Stammzellen für rote und weiße Blutkörperchen und Blutplättchen mehr produzieren. Besonders auffällig an der Sprechweise dieses Mannes ist, dass er ungeheuer oft in Sprichwörtern oder Bibelzitaten redet, von sich selbst meist als „man“ spricht und nicht sagt: ich. Zur Beschreibung seiner Seinsweise und der Bedeutung, die er der Krankheit zuschreibt, verwendet er auch ein Zitat, immer das selbe, den Titel eines Filmes von Rainer Werner Fassbinder: „Angst essen Seele auf“.

Auch Franz Kafka erkrankte bis aufs Blut, er erlitt in einer Augustnacht des Jahres 1917 einen Blutsturz. Diagnose: Lungentuberkulose. Kurz danach schrieb er, in der für ihn typisch hellsichtigen Weise an Max Brod: 

Allerdings ist hier noch die Wunde, deren Sinnbild nur die Lunge ist (...) Jammer, Jammer und gleichzeitig nichts anderes als das eigene Wesen...[20] Und an Milena Jesenskà, scheibt er noch drei Jahre später: Es war so, daß das Gehirn die ihm auferlegten Sorgen und Schmerzen nicht mehr ertragen konnte. Es sagte: „Ich gebe auf; ist hier noch jemand, dem an der Erhaltung des Ganzen etwas liegt, dann möge er mir etwas von meiner Last abnehmen und es wird noch ein Weilchen gehen. Da meldete sich die Lunge, weil viel zu verlieren hatte sie ja wohl nicht. Diese Verhandlungen zwischen Gehirn und Lunge, die ohne mein Wissen vorgingen, mögen schrecklich gewesen sein.“[21]

Die Sprache nun! Die Sprache ist es, in der alles geborgen und aufgehoben ist, alles, was ist. Den Bedeutungen wachsen die Worte zu, in der Rede spricht sich das eigentliche Sein des Menschen aus. Die Rede ist der lebendige Vollzug der Sprache. Bei Martin Heidegger lesen wir: „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung. Ihr Wachen ist das Vollbringen der Offenbarkeit des Seins, insofern sie diese durch ihr Sagen zur Sprache bringen und in der Sprache aufbewahren“.[22]

Die Sprache birgt das Denken und das Dichten des Seins in sich, ist etwas, was sich dem Menschen zuspricht und dem er im Verstehen entspricht. Das Entsprechen ist der Vollzug des Angesprochenseins. Der Mensch wohnt in der Sprache, d.h. die Sprache schont ihn in sein Wesen, schenkt ihm sein Wesen. Ein Spezifikum menschlichen Lebendig-seins ist dieser Bezug zur Sprache. Daher kann Shakespeare sagen: „Wenn Worte Atem sind und Atem Leben ist...“[23], Worte sind Leben.

Die Sprache spricht am Grunde des Phänomens der Rede. In der Sprache wird die Offenheit des Seins verwahrt, d.h. Sprache ist der Aufbewahrungsort des Offenbarungsgeschehens, vermittels welchem die Wahrheit sich dem Menschen unmittelbar zuspricht und ebenso er selbst, als der Angesprochene und Sprechende sich zeigt und sich versteht. Die Sprache ist die Weise, wie sich das Denken und das Dichten des Seins zeigt, noch vor dem Wort und noch weit vor der Verlautbarung, denn die Sprache spricht zuerst still, waltet im Geläut der Stille, in dem sich die vier Weltgegenden, die Erde, der Himmel, die Göttlichen und die Sterblichen versammeln.[24]

Die Erfahrung, die wir dichtend und denkend mit der Sprache, in der Sprache machen, ist eine Erfahrung vermittels der Seele. Eine Erfahrung die von Grund auf still ist und ebenso stillt, d.h. ins Eigene ruft. Die Seele ist das Ganze, die Ansprechbarkeit, Affizierbarkeit des lebendigen, weltoffenen Daseins im Geläut der Stille. Und hier regt es sich, im Geläut der Stille ist eine Regsamkeit und eine Bewegung angelegt, da wo das Sein den Menschen erreicht, die Fuge des Ereignisses ist der Empfangsraum des Lebendigen, des Lebens selbst. Das Sein des Da.

Ich schrieb vor einiger Zeit, selbst im Sturmauge einer ursprünglichen Erfahrung, ein Prosa-Gedicht mit dem Titel: Das schwere Jetzt:

Langsam klingt unser Ton herab/ringt in die wendige Höhlung des Anfangs einen Pfad aus Geduld und Frühe/der korngelbe Puls, still durchstrebt er unsere Fuge/ unter der Bruchstelle, brunnenrot/wölbt sich, wieder und wieder schwellend die zweisame Hautwurzel/im Getrenntsein schweigt sie uns zusammen.

Wie rettend es ist, wenn das Entsetzen in Worte findet! – Worte sind Rettung!

Lernen wir also in die Schicklichkeit des Sagens und damit des Sprechens zu finden! Hören wir auf die Dichter! Lassen wir uns ansprechen und mit in die Tiefe zum Wesensgrund der Sprache, welcher auch der Wesensgrund des Menschen ist, nehmen. Das Wesen der dichterischen Sprache, ist das Bild, welches kein Abbild, sondern ein Sehen-lassen ein Erscheinen-lassen ist. Das dichterische Bild lässt uns sehen, was ist. In dem, was das dichterische Bild nennt, waltet ein Ruf, der sich zuerst dem Dichter zugesprochen hat, von ihm ins Wort gefügt wurde und nun auf diese besondere Weise zu uns spricht. Jedes Wort, das die Dichtung uns schenkt, ist somit eine Kostbarkeit. Die Dichtung schenkt uns das Wort „Seele“. Achten wir darauf! Die Weise, wie der Dichter und die Dichterin vernehmen, ist keine Allerwelts-Wahrnehmung. Sie stehen in ihrer sprachlichen Existenz einen ausgezeichneten, riesenhaften Raum aus, sind Erscheinungsstätte des Ungeheuren, die Spannweite ihrer Seele ist zum Zerreißen gedehnt. Dies gilt es auszustehen und auszuhalten. Das lässt die Einsamkeit der großen Dichter verstehen. Und ich denke, gedichtete, ebenso wie epische und dramatische Werke sind die eigentliche Fachliteratur für uns Psychotherapeuten, denn hier  e r f a h r e n  wir, hier  w i d e r f ä h r t  uns, was es heißt, Mensch zu sein, im vollen Sinne des Wortes.

Und nun, am Ende meiner Ausführungen, kommt mir vor: mein Text geht an der Hand dessen, was so umfänglich zu sagen gewesen wäre, wie ein kleines Gerippe. Am Anfang einer Tagung mag das hingehen, tröste ich mich. Am Ende, wenn wir alle Vorträge gehört haben werden, hoffe ich, wird dem kleinen Gerippe viel lebendiges Fleisch zugewachsen sein. – Für jetzt aber, schließe ich meine Ausführungen mit Franz Kafka, aus dessen Brief an den Vater ich mir das Bild des „kleinen Gerippes“[25] geborgt habe und dessen Sprache mir die Welt ist. In seinem Tagebuch vom Oktober 1922 findet sich die folgende, hell lichtende Stelle:

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.[26]

Vielen Dank!

Fußnoten

[1] Eichendorff, Josef von: Gedichte, S.113

[2] Plath, Silvia: Zeile aus dem Gedicht: „Ulme“ in Ariel, S. 41 

[3] Bachelard, Gaston: Die Poetik des Raumes, S. 13

[4] Shakespeare, William: Hamlet. Prinz von Dänemark, S. 87 f.

[5] Boss, Medard: Von der Spannweite der Seele, S. 7

[6] Bremmer, Jan: Die Karriere der Seele, S. 174 f.

[7] Boss, Medard: Von der Spannweite der Seele, S. 7 f.

[8] Helting, Holger: Einführung in die philosophischen Dimensionen der psychotherapeutischen Daseinsanalyse, S. 59 ff.

[9] Heidegger, Martin: Identität und Differenz, GA 11, S.46

[10] Rilke, Rainer Maria: Die Gedichte, S.166 (Zeile aus: Vor lauter Lauschen und Staunen...)

[11] ebd.

[12] Bachelard, Gaston: Poetik des Raumes, S. 13

[13] Heidegger, Martin: Identität und Differenz, GA 11, S. 48

[14] Günther, Werner: Weltinnenraum. Die Dichtung Rainer Maria Rilkes, S. 34 ff.

[15] Rilke, Rainer Maria: Solange du Selbstgeworfenes fängst..., in: Günther, Werner: Weltinnenraum, S. 39

[16] Herrmann, Friedlich - Wilhelm von: Die zarte, aber helle Differenz. Heidegger und Stefan George

[17] Heidegger, Martin: Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Holzwege, GA 5, S. 63

[18] Rilke, Rainer Maria: Die Gedichte, S. 618

[19] siehe hierzu auch meinen Vortrag: Und es listet die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab, in: Daseinsanalyse Jahrbuch 2004, S.111

[20] Kafka, Franz: Briefe 1914 - 1917, Brief Nr. 1057 vom 14.9.1917, S. 319 

[21] Kafka, Franz: Briefe 1918 - 1920, Brief Nr. 1248 vom 5.5.1920, S. 131

[22] Heidegger, Martin: Brief über den Humanismus, in: Wegmarken, GA 9, S. 313

[23] Shakespeare, William: Hamlet, S. 88

[24] siehe hierzu auch die besonders schönen Ausführungen von Herrmann, Friedrich-Wilhelm von: Die zarte, aber helle Differenz, S.282 ff.

[25] Franz Kafka: Brief an den Vater. Originalfassung, Einzelausgabe, Fischer TB Verlag, Frankfurt am Main 1999, S.11

[26] Franz Kafka, Tagebücher in der Fassung der Handschrift, Eintrag vom 18.10.1921, S.866

Literatur

 

Bachelard, Gaston: Poetik des Raumes, Fischer TB Verlag: Frankfurt am Main, 7. Aufl., 2003

Boss, Medard: Von der Spannweite der Seele. Ausgewählte Vorträge und Aufsätze aus dem Anwendungsbereich des daseinsanalytischen Menschenverständnisses, Benteli Verlag: Bern 1982

Bremmer, Jan: Die Karriere der Seele. Vom antiken Griechenland ins moderne Europa, in: Janowski, Bernd (Hg.): Der ganze Mensch. Zur Anthropologie der Antike und ihrer europäischen Nachgeschichte, Akademie Verlag: Berlin 2012, S.173-198

Eichendorff, Josef von: Gedichte, Insel Verlag: Frankfurt am Main 1977

Günther, Werner: Weltinnenraum. Die Dichtung Rainer Maria Rilkes, Erich Schmidt Verlag: Berlin Bielefeld 1952

Heidegger, Martin: Der Ursprung des Kunstwerkes, in ders.: Holzwege. GA 5, Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main 1977, S. 1-74

Heidegger, Martin: Über den Humanismus, in ders.: Wegmarken. GA 9, Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main 1976, S. 313-365

Heidegger, Martin: Identität und Differenz, in ders.: Identität und Differenz. GA 11, Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main 2006, S. 27-50

Helting, Holger: Einführung in die philosophischen Dimensionen der psychotherapeutischen Daseinsanalyse, Shaker Verlag: Aachen 1999

Herrmann, Friedrich-Wilhelm von: Die zarte, aber helle Differenz. Heidegger und Stefan George. Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main 1999

Kafka, Franz: Briefe 1914-1917. Kritische Ausgabe in der Fassung der Handschrift, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2005

Kafka, Franz: Briefe 1918-1920, Kritische Ausgabe in der Fassung der Handschrift. S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2013

Kafka, Franz: Tagebücher in der Fassung der Handschrift, Gesamtausgabe, S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main 1990

Kafka, Franz: Brief an den Vater. Originalfassung, Fischer TB Verlag: Frankfurt am Main 1999

Plath, Silvia: Ariel. Gedichte. Deutsch von Erich Fried, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main 1974, S. 38 – 41

Rilke, Rainer Maria: Die Gedichte, Insel Verlag: Frankfurt am Main und Leipzig 2006

Shakespeare, William: Hamlet. Prinz von Dänemark, Ph. Reclam jun.: Stuttgart 2001

Spitzer, Charlotte: Und es listet die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab. Spuren der Eigentlichkeit im alltäglichen Dasein, in: Daseinsanalyse 2004, S. 110-120

 
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